Die beiden anderen starrten ihn an. Weston, der seinen Gedankengang unbedingt zu Ende führen wollte, sprach im Tonfall eines Mannes, der das Undenkbare in Worte fasst.

»Ich vermute, sie haben nicht alle drei gemeinsame Sache gemacht? Ich meine, dieser Markby war mit Mrs. Constantine verheiratet, und die Frau ist eine Freundin aus der Schulzeit!« Hawkins schien sich von diesem schlimmsten nur denkbaren Szenario angezogen zu fühlen. Er blickte auf seine Uhr.

»Wir sollten diese Miss Mitchell noch vor dem Essen befragen, oder? Ansonsten geben wir ihnen noch mehr Zeit, als sie bereits hatten, sich eine gemeinsame Geschichte auszudenken!«

»Vergessen wir da nicht etwas? Immerhin gab es diesen Anschlag am Tor von Malefis Abbey, wo Miss Mitchell fast von einem Stein erschlagen worden wäre«, erinnerte sie Selways gemütlicher Bariton.

»Der Stein hat sie verfehlt!«, sagte Hawkins.

»Es gibt keinerlei Zeugen für den Vorgang, und wir haben lediglich ihre Schilderung. Wir wissen nicht, ob es tatsächlich so abgelaufen ist, wie sie sagt. Markby fand sie zwischen den Torpfosten am Boden liegend, jedenfalls behauptet er das. Selbst wenn es stimmt, wer sagt, dass nicht alles gestellt war? Noch eine Sache: Wer hat die Nägel in der Mauer entdeckt? Waren Sie das, junger Mann?«

»Nein, Sir!«, antwortete Weston.

»Mr. Markby hatte sie bereits entdeckt, bevor ich am Tatort eintraf. Er hat sie mir gezeigt.« Hastig fügte er hinzu:

»Aber ich hätte sie bestimmt auch entdeckt!« Wieder trat Schweigen ein, dann sagte Weston:

»Ich wollte niemanden verdächtigen. Es war wirklich reine Spekulation. Schließlich ist Mr. Markby ein Chief Inspector!« Die beiden älteren Männer wechselten Blicke.

»Die Boulevardfritzen!«, sagte Hawkins mit hohler Stimme.

»Was ist denn mit den Boulevardfritzen, Sir?«, fragte Weston.

»Normalerweise interessieren sie sich nicht für das, was hier auf dem Land geschieht«, sagte Selway.

»Wie gesagt, normalerweise.«

»Da haben Sie wirklich Glück«, entgegnete Hawkins.

»Ich muss mich ständig mit diesen Leuten auseinander setzen!« Er atmete tief durch.

»Und sie mögen nichts lieber, als wenn wir bei unseren Ermittlungen danebenliegen!«

Markby war nach Malefis Abbey zurückgekehrt, um Meredith an Rachels Seite abzulösen. Meredith brach zur Einsatzzentrale auf, um ihrerseits zum Auffinden von Gillian Hardys Leichnam auszusagen.

Es war eine unbehagliche Erfahrung. Natürlich ahnte sie nichts von den alarmierenden Theorien, die seit Markbys Weggang unter den drei verbliebenen Beamten aufgekommen waren, doch sie spürte deutlich die in der Luft liegende Nervosität. Sie setzte sich Selway und Hawkins gegenüber, während Weston sich im Hintergrund hielt. Selway war ihr auf Anhieb sympathisch; er sah freundlich aus und lächelte, auch wenn seine Augen kalt blieben. Hawkins funkelte sie an. Weston wirkte nervös, und sein offenes Gesicht verriet dies nur zu deutlich.

»Sie sind noch nicht lange in Lynstone, nicht wahr?«, begann Selway mit einem Blick in seine Notizen.

»Trotzdem haben Sie diese junge Frau, Gillian Hardy, gleich erkannt, als Sie ihre Leiche in der Voliere gefunden haben, daher nehme ich an, dass Sie Miss Hardy bereits vorher kennen gelernt haben?«

»Wir sind uns begegnet. Ich war bei Mrs. James in der Tierpension. Sie hatte mich zum Kaffee eingeladen. Ihr Sohn und Gillian waren ebenfalls dort. Gillian Hardy hat nicht viel gesagt.«

»Wie kam sie Ihnen vor? Was für ein Mensch war sie Ihrer Meinung nach?« Meredith dachte nach.

»Ein wenig unbeholfen, doch nicht böswillig. Sie hat einen Kaffeebecher zerbrochen.«

»Vielleicht war sie nervös? Wurde etwas gesagt, das der Grund dafür sein könnte?«

»Ich … wir haben über Alex Constantines Tod gesprochen.« Meredith wandte sich an Hawkins.

»Ich habe keine Einzelheiten erzählt. Ich bin nicht so dumm. Aber natürlich wurde darüber geredet. Sie wollten wissen, wie es Mrs. Constantine gehe und ob sie vielleicht nun daran dächte, das Haus zu verkaufen.«

»Und? Will sie?« Hawkins ruckte hoch.

»Ja, sie will es tatsächlich. Das kann Sie doch nicht überraschen. Das Haus ist viel zu groß für sie allein, und die Erinnerungen würden sie nur unglücklich machen.« Selway riss die Leitung von Merediths Befragung wieder an sich.

»Wurde bei dieser Gelegenheit etwas gesagt, das auf eine Absicht seitens Gillian Hardy hindeutete, Malefis Abbey zu besuchen? Hat sie davon gesprochen, sich mit Mrs. Constantine zu treffen? Oder hatte sie vielleicht sonst einen Grund hinzugehen?«

»Nicht dass ich wüsste. Sie hat kaum ein Wort gesprochen. Sie kam mir eigentlich nicht sonderlich nervös vor, eher mürrisch. Ich dachte, dass sie wahrscheinlich einfach so ist.« Sie gingen alles noch einmal durch, dann durfte Meredith gehen. Vermutlich, dachte sie, will Selway endlich sein Mittagessen. Auf Meredith wartete ebenfalls ein Mittagessen, in Malefis Abbey, doch vorher hatte sie noch etwas zu erledigen. George Naseby hatte am Morgen keine Zeitungen ausgeliefert. Meredith stieg in den Wagen und fuhr zum Mini-Mart nach Church Lynstone. Das kleine Geschäft war leer, als sie eintrat, bis auf das Mädchen mit den krausen Haaren. Sie saß gelangweilt hinter ihrem Tresen, wo sie abwechselnd aus einem Becher Tee trank und in einen Schokoladenriegel biss, den sie in der anderen Hand hielt. Ihre Augen waren rot gerändert, und selbst ihre Frisur hing schlaff herab.

»Hallo«, sagte Meredith.

»Ich bin wegen der Zeitungen für Malefis Abbey gekommen.« Das Mädchen stellte den Becher laut klirrend ab. Sie musterte Meredith mit wildem Blick, dann brach sie in Tränen aus und flüchtete in den hinteren Teil des Ladens, wo Meredith sie nicht mehr sehen konnte. Unsichtbar fing sie an zu schimpfen:

»Ich will niemanden mehr sehen, der dort wohnt!«

»Hör zu, Mädchen!«, erwiderte eine grollende Bassstimme.

»Ich bezahle dich, damit du meine Kundschaft bedienst! Sei nicht so dumm. Geh und gib der Dame ihre Zeitungen, ja?«

»Du verstehst das nicht, George! Ich kann sie nicht ertragen! Ich kann niemanden aus diesem grässlichen Haus ertragen!« Eine ernste Hysterie schien sich anzubahnen.

»Hör endlich auf mit diesem Unsinn! Wenn du dich nicht zusammenreißen kannst, dann gehst du besser nach Hause! Aber ich bezahle dich nicht für die verlorene Zeit, damit das gleich klar ist! Du bist nicht krank, du spielst die ganze Geschichte nur unnötig hoch! Du solltest deine Fantasie ein wenig mehr unter Kontrolle halten, weißt du? Hör endlich auf, diese dämlichen Magazine zu lesen!« Schwere Schritte kamen näher, und ein stämmiger Mann in einem Overall erschien. Er roch nach Öl und Benzin und wischte sich die Hände mit einem schmutzigen Lappen ab.

»Hallo, Miss. Tut mir wirklich Leid. Auch wegen der Zeitungen. Der Junge ist heute einfach nicht gekommen. Ich wollte den Wagen nehmen und sie selbst austragen, aber ich war sehr beschäftigt, und mit dem Mädchen ist heute Morgen nichts anzufangen! Sie haben sie selbst gehört. Völlig durchgedreht, das ist sie. Sie hatte noch nie viel Verstand, aber heute hat sie ihn ganz zu Hause liegen lassen!« Meredith nahm die beiden Zeitungen.

»War sie eine Freundin von Gillian Hardy? Sie müssen sich gekannt haben. Ich schätze, sie ist ein wenig fassungslos.«

»Wir alle kannten Gillian. Das arme Ding! Die Familie lebt seit Menschengedenken in Lynstone. Wally Hardy malt Häuserschilder und so weiter. Sie haben sie bestimmt schon überall gesehen. Das hier ist er.« George deutete auf die Notiz auf seinem Tresen, in dem Hardy sein Schildergeschäft anpries.

»Nein, Tina hier war nie eine besonders enge Freundin von Gillian Hardy. Sie hatten einfach nichts gemeinsam. Gillian hatte das Herz am richtigen Fleck! Sie hat hart gearbeitet und war ein sensibles Mädchen. Die hier …«, er deutete mit dem Kopf verächtlich nach hinten, wo seine Gehilfin durch eine Tür verschwunden war,

»die hier hat nie einen Funken Verstand besessen. Ich lasse sie nur hier arbeiten, weil sie die Nichte meiner Frau ist. Sie hat nur Jungen und Popmusik und diese törichten Magazine im Kopf.« Vertraulich beugte er sich vor.

»Jede Wette, dass wieder mal ein Junge dahinter steckt!«

»Oh?« Meredith nahm sich Zeit beim Zusammenrollen der beiden Zeitungen.

»Sie hat einen Freund hier aus der Gegend, oder wie?«

»Einen Freund?« George Naseby lachte brüllend los. Dann hielt er unvermittelt inne und blickte Meredith abschätzend an.

»Ah, ja. Das würde einiges erklären, finden Sie nicht auch?« Beim Mittagessen in Malefis Abbey herrschte nach allem, was sich vorher ereignet hatte, eine angespannte Atmosphäre. Rachel schob das Essen mit der Gabel auf ihrem Teller herum und murmelte:

»Wir werden sie niemals los! Was hatte dieses dumme Ding in meinem Wintergarten zu suchen? Was hat sie dort gewollt?«

»Das wissen wir nicht«, erwiderte Markby.

»Wahrscheinlich wollte sie sich nur die Vögel ansehen.«

»Pah! Red keinen Blödsinn, Alan!«

»Dann wollte sie vielleicht mit dir reden?«

»Das ist noch lächerlicher! Warum mit mir? Ich glaube nicht, dass ich je mehr als drei, vier Worte mit ihr gewechselt habe! Und dann höchstens ›Guten Morgen‹ oder ›Auf Wiedersehen‹!«

»Vielleicht wollte sie dir eine Nachricht von Molly oder Nevil bringen?« Meredith gab ihre Versuche, etwas zu essen, endgültig auf.

»Und warum konnte sie kein Telefon dazu benutzen? Und außerdem – in der Voliere! Was hatte sie in der Voliere zu suchen?« Rachels Laune war noch immer durch und durch schlecht, und sie ließ es jeden spüren. Wie üblich, dachte Markby seufzend, der sich an manchen heftigen ehelichen Streit erinnerte. Merediths Gesichtsausdruck verriet, dass sie sich unschlüssig war, ob sie einfach in den Wagen steigen und nach Bamford fahren sollte – gleichgültig, was Hawkins und Selway dazu sagen mochten – oder die nächste Gemüseschüssel nehmen, um diese Rachel über den Kopf zu stülpen. Markby konnte nur hoffen, dass die vielen Jahre im diplomatischen Korps und die Ausbildung im Umgang mit schwierigen Situationen Meredith davon abhielten, etwas Dummes zu tun. Nach dem Essen sagte er daher mit verständlicher Besorgnis:

»Ich möchte dich wirklich nur ungern hier im Stich lassen, aber da ist jemand, mit dem ich reden muss. Es dauert höchstens eine Stunde oder zwei. Kommst du solange allein zurecht?« Sie fauchte ihn förmlich an, mit flammenden Augen, während Strähnen ihres glänzend braunen Haares ihr wild ins Gesicht hingen.

»Zurecht? Wenn das hier noch länger dauert, kannst du die Männer in den weißen Kitteln anrufen, damit sie mich holen kommen! Aber um deine Frage zu beantworten: Ich denke, eine oder zwei Stunden halte ich gerade noch aus! Sie hat einen verdammten Wutanfall nach dem anderen, weißt du? Sie hat sich nicht einmal den Leichnam des armen Mädchens angesehen. Sie ist … sie ist einfach unmöglich!«

KAPITEL 18

Der Fußweg den Hügel hinunter nach Church Lynstone dauerte länger, als Markby erwartet hatte. Die Fahrt im Wagen bei Alex’ Beerdigung war nur kurz gewesen, und jetzt stellte Markby überrascht fest, dass es gute anderthalb Meilen waren. Es war gegen vier, als er in Church Lynstone ankam. Bei den Zapfsäulen von Naseby’s Garage standen zwei Wagen, und zwei junge Frauen mit Kleinkindern unterhielten sich draußen vor dem Mini-Mart. Doch Markby war nicht wegen George Nasebys Geschäft gekommen. Er interessierte sich vielmehr für die Reihe alter, aus Bruchstein erbauten Cottages gegenüber von The Fox. Auf der Straßenseite eines der Häuser waren die Vorhänge vor sämtlichen Fenstern zugezogen, auch wenn es noch helllichter Tag war. Auf dem Land hielten sich die alten Sitten und Gebräuche. In diesem Haus herrschte Trauer. Markby fragte sich, ob im Innern auch die Spiegel verhangen worden waren, wie es früher Brauch gewesen war bei einem Todesfall. Doch Markby klopfte nicht an der niedrigen Tür. Er riskierte es, das Gartentor an der Seite zu öffnen, ging über einen schmalen Weg an der Seite des Hauses vorbei und gelangte in einen ungepflegten Garten. Vor ihm stand ein Holzschuppen. An die Wand genagelt hing ein Schild im mittlerweile vertrauten Stil, das

»Lynstone Craft Studio« verkündete. Markby klopfte an der Tür und musterte anschließend seine Knöchel, um sich zu überzeugen, dass die Aktion ihm keine Holzsplitter eingebracht hatte. Eine Stimme im Innern antwortete und bat ihn einzutreten. Markby hob den rostigen Schnappriegel. Ein Schwall warmer Luft schlug ihm entgegen, schwer vom Geruch nach Farbe und Terpentin. Ein Mann mittleren Alters mit schütterem grau-rötlichen Haar drehte sich mitsamt seinem Rollstuhl zu ihm um und starrte ihn an, den Pinsel in der Hand.

»Ja? Wer sind Sie?« Markby erklärte es ihm.

»Es tut mir Leid, Sie zu stören. Sie sind offensichtlich beschäftigt, und sicher machen Sie und Ihre Familie gerade eine schwierige Zeit durch. Trotzdem würde ich mich sehr gerne auf ein paar Worte mit Ihnen unterhalten, falls Sie sich dazu im Stande fühlen.«

»Im Stande fühlen? Ha! Sie waren schon hier, die anderen Polizisten! Ich konnte den anderen genauso wenig sagen wie Ihnen, und aus meiner Frau kriegen Sie im Augenblick kein vernünftiges Wort heraus!« Mr. Hardy saugte die eingefallenen Wangen ein, schürzte die Lippen und bedachte Markby mit einem vielsagenden Blick. Mit seinem rötlichen, grau durchsetzten Haar sah er aus wie ein Fuchs, wie die Kreatur, die er gerade auf dem großen Holzbrett auf seiner Staffelei malte.

»Ich möchte vorab betonen, dass ich nicht offiziell in diesem Fall ermittle. Ich habe also überhaupt kein Recht, Ihnen Fragen zu stellen.«

»Nun, wenigstens sind Sie ehrlich! Fragen Sie mich, was immer Sie wollen, aber wie schon gesagt, Sie werden nichts erfahren, weil es nichts zu erfahren gibt! Mein Mädchen ist tot. Vielleicht finden sie den Bastard, der es getan hat, vielleicht auch nicht. Was auch geschieht, unsere Tochter kommt dadurch nicht mehr zurück.« Er senkte den Kopf.

»Nein«, sagte Markby.

»Setzen Sie sich doch.« Markby setzte sich auf einen Küchenstuhl neben den Künstler, der sich wieder seiner Arbeit zugewandt hatte.

»Ein Kneipenschild«, erklärte Mr. Hardy, ohne aufzublicken.

»Für das Pub auf der anderen Straßenseite.«

»Sehr hübsch«, bemühte sich Markby um ein passendes Kompliment.

»Es muss ein schönes Gefühl für Sie sein zu wissen, dass Ihre Arbeit in ganz Lynstone zu sehen ist.«

»Das hier ist Church Lynstone«, sagte Mr. Hardy kleinlich. Er beugte sich vor und tupfte Schwarz auf die Nase der Füchsin.

»Den Hügel hinauf, den Sie heruntergekommen sind, das ist Lynstone. Wenn es überhaupt irgendwo ist. Als all die großen Häuser dort oben gebaut wurden, wollten sie sich auch Church Lynstone nennen, doch die Gemeinde war dagegen. Zu Recht! Die Häuser waren jenseits der Gemeindegrenzen. Also haben sie keine Ruhe gegeben, bis die Grenzen verschoben wurden. Es hat ihnen nicht viel genutzt. Die Gegend heißt immer noch Lynstone, kurz und bündig, und sie hat nicht das Geringste mit uns zu tun.« Offensichtlich hatte es erbitterte Auseinandersetzungen über dieses Thema gegeben, und der Kampf war noch nicht vergessen. Noch immer durchzog eine Grenze die Gemeinde, und die Neuankömmlinge, die sich in Lynstone niedergelassen hatten, wurde noch immer abgelehnt.

»Es tut mir wirklich sehr Leid um Ihre Tochter«, sagte Markby ernst. Hardy grunzte zustimmend.

»Meine Frau ist fix und fertig.«

»Genau wie Sie, stelle ich mir vor.«

»O ja«, antwortete Hardy gedankenverloren.

»Ich auch. Das arme, kleine dumme Ding!« Er deutete auf Markbys Stuhl.

»Sie hat immer dort gesessen und mit mir geredet, während ich gemalt habe.« Er verstummte, und nach einer Weile fuhr er fort, so leise, dass Markby die Worte mehr erahnen als hören konnte:

»Ich kann nichts unternehmen. Ich sitze in diesem verdammten Rollstuhl fest. Ich kann nicht das Geringste unternehmen!« Die Worte, so leise sie auch gewesen sein mochten, erfüllten den Schuppen mit so viel Bitterkeit und Schmerz, dass die Wildheit der Emotion Markby traf wie ein elektrischer Schlag.

»Dafür gibt es die Polizei«, sagte er.

»Um etwas zu unternehmen. Das ist unser Beruf.«

»Statistiken!«, entgegnete Hardy scharf.

»Unsere Gillie ist für Leute wie euch doch nur ein Fall für die Kriminalstatistik!« Er atmete tief ein und legte den Pinsel beiseite.

»Nun, dann will ich Ihnen noch ein paar Fakten und Zahlen nennen. Es macht einen Unterschied für unser Leben, dass Gillie nicht mehr da ist, keine Frage! Sie hat nicht viel verdient mit ihrer Arbeit in der Tierpension, aber es half! Ich bin schwerbehindert, wie Sie sehen können, und ich bekomme eine Rente, wenn man das so nennen kann. Ich verdiene hin und wieder ein wenig Taschengeld damit, dass ich Schilder wie das hier male«, er deutete mit dem Kopf auf die Holztafel.

»Schilder, wie Sie sie überall im Ort gesehen haben. Meine Frau war nie arbeiten, weil es für sie in dieser Gegend keine Arbeit gibt, außer Putzen. Dann ist da noch der Wagen. Meine Frau fährt nicht Auto, aber Gillie hat sie damit herumkutschiert. Sie nach Chippy gefahren und so weiter. O ja, es wird einen gewaltigen Unterschied machen!«

»Hat Gillian ihre Arbeit in der Tierpension gemocht?«

»Sie mochte Tiere.«

»Wie stand es mit den Menschen?« Hardy musterte Markby aus zusammengekniffenen Augen.

»Sie kam eigentlich nur mit Molly gut aus – und sie war unglücklich verliebt in den jungen Nevil. Ist es das, was Sie hören wollten?«

»Ich weiß nicht genau, Mr. Hardy, was ich gerne hören würde. Das heißt, natürlich möchte ich etwas hören, das mir ermöglicht, die Identität des Mörders aufzudecken. Ich möchte etwas erfahren, ganz gleich was, das mich vielleicht zu ihm führt.« Hardy fuhr sich mit der Zunge über die Unterlippe.

»Kommen Sie mit ins Haus«, sagte er.

»Ich stelle Ihnen meine Frau vor. Sie hat etwas gefunden, das Sie vielleicht interessiert. Offen gestanden, wir wissen nicht so recht, was wir damit anfangen sollen. Vielleicht können Sie uns etwas dazu sagen.« Das beengte kleine Wohnzimmer des Hauses strahlte eine ärmliche Gemütlichkeit aus. Das meiste Mobiliar war billig und abgenutzt, doch Markby entdeckte auch ein paar schöne alte Stücke aus der Zeit der Jahrhundertwende. Sie waren liebevoll poliert und standen dort, wo die Sonne nicht hinfiel und die Hitze des offenen Kamins ihnen keinen Schaden zufügen konnte. Markby schätzte, dass es sich um Familienerbstücke handelte, die für die nächste Generation aufgehoben worden waren. Eines Tages, wenn alles verlaufen wäre wie geplant, hätte Gillian das dunkle Eichensideboard und den Klapptisch auf seinen Chippendalefüßen geerbt. Doch die Dinge waren anders gekommen, und Gillians Tod hatte die Kette reißen lassen und eine Tradition zerstört. Markby hoffte, dass es noch jemand anderen gab, irgendeinen Verwandten, der eines Tages das Mobiliar würde erben können. Er hasste die Vorstellung, dass so penibel gepflegte alte Stücke eines Tages in einem Antiquitätenladen oder schlimmer noch, in einem SecondhandMöbelgeschäft landeten und jegliche Erinnerung an die mit ihnen verbundene Geschichte verloren ging. Mrs. Hardy war genauso klein und ärmlich wie ihr Wohnzimmer, die Augen dick geschwollen vom vielen Weinen. Sie sah aus, als sei sie am Ende. Markby wünschte, er könnte sie irgendwie trösten, doch nichts, was er hätte sagen oder tun können, würde diese arme Frau wieder aufrichten, der das Leben so schlimm mitgespielt hatte. Sie war nur noch eine ausgebrannte Hülle und zeigte kaum mehr Leben als der Leichnam ihrer Tochter.

»Ich weiß es einfach nicht, Sir«, sagte sie zu Markby.

»Ich weiß nicht, warum jemand der armen Gillie so etwas antun konnte.« Erneut schossen ihr die Tränen in die Augen, und sie wischte sie mit einem Schürzenzipfel ab. Mr. Hardy beugte sich in seinem Rollstuhl vor.

»Zeig ihm das Foto, Irene.« Markby blickte überrascht auf. Durch den zusammengesunkenen Körper Mrs. Hardys ging ein Ruck, als hätte jemand sie mit einer Nadel gestochen. Ihre blassen Augen flackerten, und Markby meinte, Furcht darin zu erkennen.

»Nein, Wally …«, flüsterte sie.

»Das ist nicht schicklich!«

»Aber irgendwann müssen wir es jemandem zeigen, also können wir es genauso gut jetzt tun!«, beharrte er.

»Los, geh schon und hol es her.« Sie erhob sich unwillig und stand händeringend da.

»Er wird schlecht über Gillian denken, Wally! Es ist nicht richtig! Sie war ein gutes Mädchen! Dieses Foto wird ihr Andenken beschmutzen und ihren guten Namen!«

»Keine Sorge, Mrs. Hardy«, sagte Markby sanft.

»Nichts wird das Andenken ihrer Tochter beschmutzen, aber alles könnte helfen, ihren Mörder zu finden.« Sie wirkte wenig überzeugt, doch dann ging sie zu dem Eichensideboard und öffnete eine Schublade. Mit der Hand in der Lade wandte sie sich um und erklärte:

»Ich habe das hier in Gillies Zimmer gefunden! Ich habe aufgeräumt und bin all ihre Sachen durchgegangen …« Ihre Stimme brach. Als sie sich wieder gefasst hatte, fuhr sie fort:

»Ich fand dieses Stück Papier, oder jedenfalls dachte ich, dass es eins wäre, eingeklemmt zwischen der Wand und ihrem Schrank. Ich hab daran gezogen … ich dachte ja nicht, dass es versteckt sein könnte, verstehen Sie? Ich dachte, es sei ein Brief, der dort hingerutscht sein könnte. Aber es war das hier.« Sie zog ein dünnes Stück Karton aus der Schublade und brachte es Markby. Es war eine Fotografie, und sie war auf eine Weise verstümmelt, die auf einen unglaublichen Hass schließen ließ.

»Ich nehme an, das soll Mrs. James sein?«, fragte Markby.

»Das ist sie, ja. Warum … warum hätte Gillie so etwas tun sollen? Sie mochte Molly!« Mrs. Hardy sah ehrlich verwirrt aus.

»Und so etwas Schreckliches hat sie noch nie im Leben gemacht! Es war überhaupt nicht ihre Art!«

»Das war nicht Gillian!«, donnerte ihr Ehemann so heftig, dass der Nippes auf dem Kamin klirrte.

»Sie soll ein Bild von Molly James zerschnitten haben?! Warum um alles in der Welt hätte sie das tun sollen? Ich will Ihnen etwas über mein Mädchen sagen, Markby! Sie war loyal. Sehen Sie sich nur an, wie lange sie hier bei ihrer Mutter und mir geblieben ist! Molly war Gillies Arbeitgeberin, und das da hätte Gillie nie getan!« Er deutete mit dem Finger auf die Fotografie.

»Aber dieses Bild befand sich in Gillians Besitz?«, erkundigte sich Markby.

»Das heißt überhaupt nichts!«, schnappte Hardy.

»Wie Sie sich als Detective und schlauer Bursche bestimmt selbst denken können!«

»Also schön, wer hat das Bild zerschnitten? Haben Sie einen Verdacht?«

»Ja, rein zufällig kann ich mir denken, wer es war und auch warum! Wenn man es genau bedenkt, ist es offensichtlich!« Mr. Hardy grinste freudlos.

»Mamas Junge war es. Nevil.«

»O nein, Wally! Nicht das Bild der eigenen Mutter!«, unterbrach ihn Irene Hardy schockiert.

»Dieser Junge ist nicht normal! Kein Wunder, wenn man bedenkt, was er für ein Leben geführt hat.« Hardy stieß den Zeigefinger in die Luft, während er jedes Wort mit Nachdruck betonte.

»Gillie ist bei uns geblieben, weil sie ein gutes Mädchen war. Nevil ist bei der alten Molly geblieben, weil er einfach nicht den Mumm hatte zu gehen! Er würde so gerne gehen, weiß Gott, das würde er! Aber er ist schwach, und schwache Menschen sind gefährliche Menschen, Mr. Markby. Glauben Sie nicht, ich wüsste nicht Bescheid über die Menschen und wie ihr Verstand funktioniert, nur weil ich an dieses Ding gefesselt bin! Ich sage Ihnen was, meine Beine mögen mir vielleicht nicht mehr gehorchen, aber mein Verstand ist messerscharf! Wenn ein Mann all seine Zeit im Rollstuhl verbringt, wie ich es tue, dann hat er eine Menge Muße, andere zu beobachten und über sie nachzudenken. Mir fallen Dinge auf, die andere übersehen. Ich habe von Anfang an gewusst, dass dieser Nevil ein komischer Kerl ist! Ich habe versucht, Gillie zu warnen, aber sie, sie musste natürlich glauben, er wäre ein verdammtes Weltwunder!«

»Mir ist er eigentlich immer als angenehmer junger Mann erschienen, bei den wenigen Gelegenheit, wo er zu Besuch war«, unternahm Mrs. Hardy einen letzten Versuch, Nevil zu verteidigen.

»Verschlagen war er, und er hat einen nie direkt angesehen! Nichts an ihm war echt. Ich sage dir, im Kopf von diesem Jungen spielen sich Dinge ab, die weder du noch ich wissen wollen!« Nun, das ist deutlich, dachte Markby. Er nahm das Foto zur Hand.

»Darf ich das hier behalten? Ich werde es an die richtigen Personen weitergeben.«

»In Ordnung, aber geben Sie drauf Acht!« Mr. Hardy sank in seinen Stuhl zurück und tat das Bild mit einer Handbewegung ab.

»Wir wollen es nicht in unserem Haus haben. Es ist etwas Böses, genau das ist es!«

Wieder auf der Straße, zögerte Markby einen Augenblick. Die Fotografie in seiner Innentasche knisterte beim Gehen. Es war tatsächlich eine böse Geschichte, da hatte Hardy Recht. Ob er allerdings auch Recht hatte mit seiner Behauptung, dass Nevil das Foto auf diese Weise beschädigt hatte, war eine andere Sache. Doch in Markby regte sich der Verdacht, dass es wohl doch so gewesen war.

Der Friedhof lag ein kleines Stück hinter den Cottages. Markby fragte sich, ob die Blumen immer noch auf Alex’ Grab lagen, zwei Tage nach der Beerdigung, und in welchem Zustand sie waren. Er lenkte seine Schritte in diese Richtung.

Die Blumen lagen noch auf dem Grab, und sie hatten sich unerwartet gut gehalten, auch wenn der Tau das schwarzgoldene Band von Rachels Kranz beschädigt hatte und die Rosen die Köpfe hängen ließen. Außer Markby war noch jemand auf dem Friedhof. Er stand über Constantines Grab gebeugt und studierte die letzten Grüße auf den zahlreichen Kränzen und Gestecken oder las die Namen auf den Karten. Er richtete sich auf, als er Markby bemerkte, und seine stämmige Gestalt verriet ihn augenblicklich.

»Ich werfe nur einen Blick auf seine Blumen«, sagte Chief Inspector Selway.

»Recht ansehnliche Menge. Mir persönlich erscheint es immer ein wenig wie Verschwendung, Blumen zur Beerdigung. Als meine Eltern gestorben sind, haben wir um Spenden für wohltätige Zwecke statt Kränze und Bouquets gebeten, weil es uns sinnvoller erschien. Ich muss gestehen, dass Kränze und Gestecke schon so etwas wie Respekt ausstrahlen. Ohne sie erscheint so ein Grab einfach nackt. Irgendwie nicht schicklich, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Vorsichtig erwiderte Markby:

»Genau genommen interessieren Sie sich nicht so sehr für ihn wie für den Mord an Gillian Hardy, nicht wahr?«

»Ich interessiere mich für jeden Mord, wenn der Täter in meinem Zuständigkeitsbereich zu finden ist.« Selway musterte Markby aus zusammengekniffenen Augen.

»Diese Geschichte hat Sie ziemlich in die Ecke gedrängt, wie?«

»Könnte man so sagen, ja«, gestand Markby.

 

»Sieht in den Augen gewisser Leute vielleicht gar nicht gut aus.«

»Da haben Sie wohl Recht. Ich kann nicht sagen, dass ich gerne auf der anderen Seite des Verhörtisches sitze. Am meisten stört mich, dass mir die Hände gebunden sind und ich anderen die Ermittlungsarbeit überlassen muss. Das soll keine Kritik an Ihren oder den Fähigkeiten von sonst irgendjemandem sein. Es liegt einfach daran, dass ich Polizist bin und meine Instinkte mich drängen, der Geschichte auf den Grund zu gehen.«

Selway kicherte, dann nickte er mit dem Kopf in Richtung Grab.

»Kannten Sie ihn gut?«

»So gut wie überhaupt nicht. Ich bin ihm nur ein einziges Mal begegnet. Ich wurde ihm vorgestellt, und keine halbe Stunde später war er tot. Das Gleiche gilt für Miss Mitchell. Wir sind ihm gemeinsam begegnet. Aber Sie kennen ja den Bericht.«

»Hmmm. Was führt Sie um diese Tageszeit nach Church Lynstone hinunter? Wollten Sie sich nur ein paar feuchte, schlaffe Nelken ansehen?«

»Ich war bei Mr. und Mrs. Hardy, um ihnen mein Beileid auszusprechen.«

»Oh, tatsächlich?« Selway musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen.

»Hatten sie etwas Interessantes mitzuteilen?« Markby wich einer direkten Antwort aus. Stattdessen begann er:

»Als ich das Mädchen in der Voliere fand, hielt es etwas in den Fingern. Ich hielt es zuerst für ein Stück von einer Karte. Ich konnte es nicht genau erkennen.« Selway schaukelte auf den Absätzen und beobachtete Markby.

»Ja?«, sagte er auffordernd.

»Vielleicht die Ecke einer Fotografie.«

»Das ist richtig!« Selways Stimme hatte einen scharfen Unterton angenommen.

»Haben Sie den Rest davon gefunden?«

»Nein. Noch nicht.« Markby schob die Hand in die Innentasche und zog das zerschlitzte Hochglanzfoto hervor, das die Hardys ihm gegeben hatten.

»Ich könnte mir denken, dass darauf, falls Sie es finden, etwas abgebildet ist, das diesem Motiv hier ähnelt. Und es würde mich nicht überraschen, wenn das Foto im gleichen Zustand wäre.«

KAPITEL 19

Rachel war den ganzen Nachmittag über ruhelos und verdrossen. Schließlich gelang es Meredith, die meinte schreien zu müssen, wenn sie nicht bald wenigstens eine Stunde Ruhe bekam, Rachel dazu zu überreden, etwas von dem schwachen Sedativum einzunehmen, das Dr. Staunton ihr verschrieben hatte, und sich vor dem Abendessen ein wenig hinzulegen.

»Ruf mich, wenn Alan zurück ist!«, befahl Rachel und warf sich schmollend auf ihr Riesenbett.

»Sicher, versprochen.«

»Wo steckt er überhaupt?« Sie ballte die Faust und schlug eine tiefe Delle in das oberste Kissen. Sie hatte die Frage wenigstens ein Dutzend Mal im Verlauf des Nachmittags gestellt, und Meredith konnte jetzt nicht mehr anders:

»Ich weiß es nicht!«, giftete sie. Doch dann wurde ihr die traurige Bedeutung von Rachels Frage bewusst, und sie schämte sich wegen ihrer Schroffheit. Diese Monstrosität von einem Ehebett mit dem golden eingerahmten Samtkopfteil war Rachels und Alex’ gemeinsame Schlafstatt gewesen. Es war seine Abwesenheit in diesem Bett und in ihrem Leben, verschlimmert noch durch den Mord an Gillian, die seine Witwe dazu brachte, sich derart unmöglich zu gebärden. Jetzt, nach Gillian Hardys Tod, bestand die Gefahr, dass sich alle auf diese letzte Tragödie konzentrierten und die vergaßen, die sie alle hierher geführt hatte. Mehr noch, sie hatte immer noch nichts herausgefunden, das sie Foster in London hätte berichten können. Meredith hockte auf der Satinbettdecke am Fuß von Rachels Bett.

»Ray? Wusstest du eigentlich, dass Alex früher mit Nachnamen Wahid geheißen hat? Warum hat er seinen Namen geändert?« Rachel schob den Arm unter den Kopf.

»Natürlich weiß ich das! Dieser lächerliche Hawkins stellt mir ununterbrochen die gleiche Frage! Als spielte es noch eine Rolle, um Himmels willen! Ich hab dir doch erzählt, dass Alex den Libanon verlassen und seine Geschäfte eine Weile von Zypern aus geführt hat. Vielleicht spürte er auf der Insel Vorurteile gegen seinen arabisch klingenden Namen. Er hat einen griechisch klingenden angenommen. So einfach ist das alles!«

»Hat er denn keine Familie im Libanon zurückgelassen?«

»Die Männer kamen alle bei den Unruhen dort um. Ich weiß nicht, was aus den Frauen wurde. Fang du jetzt nicht auch noch an, Meredith! Hawkins allein ist schlimm genug! Das alles ist über fünfundzwanzig Jahre her! Ich kannte Alex damals noch nicht. Er hat nicht gerne darüber gesprochen. Es war ziemlich schmerzhaft für ihn. Genau wie es für mich schmerzhaft ist, das alles wieder und immer wieder erzählen zu müssen!«

»Bitte entschuldige, Ray.« Meredith stand auf.

»Du ruhst dich jetzt ein wenig aus. Sollen Stauntons Pillen ihr Werk tun. Hinterher fühlst du dich viel besser, du wirst sehen.« Auf dem Weg nach unten überlegte sie, dass sie Rachel wirklich nicht hätte sagen können, wo Alan steckte, weil sie es tatsächlich nicht wusste. Er hatte lediglich vage angedeutet, dass er jemanden besuchen wolle. Falls dieser Jemand in Lynstone wohnte, konnte er nicht weit weg sein. Meredith sah auf ihre Armbanduhr. Es war kurz vor sechs. Alan war sicher längst von seinem geheimnisvollen Besuch zurück und im Hotel, wo er ausharrte, bis es Zeit zum Abendessen war. Sie konnte es ihm nicht verdenken. Doch auch sie brauchte eine Pause, musste eine Weile aus dem Haus und an die frische Luft. Meredith zog einen Pullover an und machte sich auf den Weg zum Hotel. Draußen vor dem Tor stand ein Wagen am Wegesrand geparkt. Daneben lehnte ein junger Mann in einem Regenmantel und trank aus einem Plastikbecher. Ein zweiter junger Mann saß im Wagen und hielt eine Thermoskanne. Sobald der erste Mann Meredith erblickte, schob er seine Tasse durch das offene Wagenfenster und kam entschlossen auf sie zu.

»Hallo, hätten Sie vielleicht einen Augenblick Zeit?«, fragte er mit einem aufmunternden Lächeln.

»Um der Presse ein Interview zu geben? Nein.« Sie wollte an ihm vorbei. Er trat ihr in den Weg.

»Nur zwei Fragen! Ich muss meinem Redakteur etwas vorweisen! Kannten Sie das Mädchen, dessen Leiche man in der Voliere gefunden hat? War sie häufig in diesem Haus zu Besuch? Stimmt es, dass Mrs. Constantine allein im Haus war, als es geschah? Sind Sie eine Verwandte?«

»Ich zähle vier Fragen, und ich werde keine einzige davon beantworten. Gehen Sie zu Chief Inspector Selway. Er ist der ermittelnde Beamte in diesem Fall.«

»Wir ziehen die persönliche Sichtweise vor«, antwortete der Mann vertraulich.

»Nun, von mir erfahren Sie jedenfalls nichts.« Sie machte einen Schritt um ihn herum und ging davon. Kurz bevor sie außer Hörweite war, hörte sie ihn zu seinem Kollegen im Wagen sagen:

»Blöde Ziege! Sollte mich nicht wundern, wenn kein Mann der etwas abgewinnen kann!« Das war zwar reine Gehässigkeit, doch es tat dennoch weh. Es war wohl unausweichlich, nachdem Gillian in Malefis Abbey gestorben war, dass das abgekühlte Interesse der Presse von neuem aufflackerte. Foster würde in der Zeitung über den Mord gelesen haben. Sie bezweifelte, dass er ihr eine Nachricht zukommen lassen würde, ihre persönliche Sicherheit vor die Pflichterfüllung zu stellen. Er hatte ihr gesagt, dass sie nach der Beerdigung abreisen könne, und sie hatte es nicht getan. Also war er von jeglicher weiterer Verantwortung befreit. Vielleicht hatte er irgendwie gespürt, dass Meredith nicht zu den Menschen gehörte, die gingen, bevor die Arbeit ganz getan war.

Den größten Teil des späteren Nachmittags war ein steifer Wind über die Hügel gestrichen. Die Kälte war nun deutlicher spürbar, nachdem die warme Frühlingssonne am frühen Abend untergegangen war. Die Bäume bogen sich und raschelten, als Meredith die Windmill Lane hinunterspazierte, und Blätter wirbelten über die Straße. Dunkle Wolken zogen von Westen herbei, und alles sah ganz danach aus, als würde es bald anfangen zu regnen. Vielleicht stand wirklich ein Wetterumschwung bevor.

Als sie die Auffahrt zum Lynstone House Hotel betrat, hupte hinter ihr jemand. Meredith trat zur Seite, und ein schicker kleiner Sportwagen, hellrot mit einem schwarzen Stoffverdeck, schoss an ihr vorbei und kam in einer Wolke von Kieselsteinen vor dem Eingang des Hotels zum Stehen. Die Fahrertür wurde aufgestoßen, und ein langes, schwarz bestrumpftes Bein erschien, gefolgt von seinem Gegenstück. Dann tauchte ein Schopf üppigen, rötlichbraunen Haars auf und ein Arm, als die weibliche Fahrerin sich zur Seite drehte und nach unten beugte, um die Schuhe, die sie zum Fahren getragen hatte, abzustreifen. Sie schlüpfte geschickt in hochhackige Pumps, nachdem sie die flachen Sportschuhe hinter sich in den Wagen geworfen hatte. Schließlich mühte sie sich unter einigen Schwierigkeiten aus dem niedrigen Sitz und stand auf, um die Wagentür hinter sich zuzuwerfen.

Meredith war unterdessen fast bei ihr angekommen. Die Frau schob die Hände in die Taschen ihres weiten, braunen Mantels und lehnte sich abwartend gegen den Wagen.

»Hallo«, sagte sie liebenswürdig, als Meredith vor ihr stand.

»Wohnen Sie hier?« Ihre Stimme klang rauchig und besaß einen ausländischen Akzent. Ihr Alter war schwer zu bestimmen. Es war offensichtlich, dass sie früher einmal eine Schönheit gewesen sein musste. Doch jetzt wurden die Fältchen um Augen und Mund und die verlorene straffe Kinnlinie durch die Anwendung von reichlich Mascara und Lippenstift überkompensiert und verliehen ihren noch immer edlen Gesichtszügen einen künstlichen, zu rötlichen Teint. Ihr schulterlanges Haar schimmerte unecht kastanienbraun. Nichtsdestotrotz ging von ihr ein gewisser Glanz aus, und der Wagen, der braune Wollmantel sowie der golden und schwarz gemusterte Seidenschal, den sie achtlos um den Hals geschlungen trug, waren allesamt kostspielig.

»Nein«, antwortete Meredith und hatte Schwierigkeiten, sich ihre Faszination nicht allzu offen anmerken zu lassen.

»Ein Freund von mir wohnt hier im Hotel. Ich wollte nachsehen, ob er zu Hause ist.«

»Oh?« Plötzlich lächelte die Frau und streckte Meredith ihre schlanke, beringte Hand entgegen.

»Ich bin Miriam Troughton. Mein Mann ist der Inhaber dieses … dieses alten Kastens!« Sie nickte geringschätzig in Richtung des Hotels in ihrem Rücken. Meredith schüttelte die dargebotene Hand und spürte die schweren goldenen Ringe in ihrem Handteller. Sie nannte ihren eigenen Namen und fügte hinzu:

»Ich bin zu Besuch bei Rachel Constantine.« Miriam Troughton musterte sie unter langen, schweren Lidern hindurch.

»Der arme Alex«, sagte sie mit einer Stimme, die noch rauchiger und noch ausländischer klang als zuvor.

»Ich war wirklich entsetzt, als ich davon erfuhr! Ich war zu der Zeit unterwegs. Was für ein Schock! Wie geht es der armen Rachel?«

»Sie hält sich eigentlich ganz gut, wirklich«, sagte Meredith diplomatisch, wenn auch nicht ganz ehrlich.

»Alex und ich haben von Zeit zu Zeit gemeinsam einen Drink genommen.« Miriam zuckte die Schultern.

»Ich habe nie verstanden, wie er hier leben konnte! Er hätte sich überall auf der Welt ein Haus kaufen können. Er war ein steinreicher Mann!« Sie gurrte die letzten Worte mit fast sinnlicher Bewunderung. Dann beugte sie sich zu Meredith vor und zischte wütend:

»Was mich betrifft, ich muss von Zeit zu Zeit hier weg, sonst werde ich noch verrückt!« Ihre Worte wurden von einer dramatischen Geste begleitet, als wollte sie das Lynstone House Hotel vom Erdboden wegwischen, dann tippte sie sich an die Stirn. Die letzte pantomimische Geste war überflüssig. Meredith bekam auch so eine Ahnung vom mentalen Zustand ihres Gegenübers. Wo um alles in der Welt hatte Jerry Troughton diese Frau aufgegabelt? Mavis schien zu glauben, dass er sie im Nahen Osten kennen gelernt hatte, und es war sicherlich interessant zu spekulieren, unter welchen Umständen diese schicksalhafte Begegnung stattgefunden hatte. Vielleicht hatte Miriam als Tänzerin oder Sängerin in einem Nachtlokal gearbeitet. Oder vielleicht als Hostess, was auch immer darunter zu verstehen war. Oder sie war die Gespielin eines reichen Mannes gewesen, der ihrer müde geworden war. Mehr als ein Detail wies darauf hin, dass Mrs. Troughton eine poule de luxe war, doch auf der anderen Seite zeigte sich in ihren geschminkten Zügen eine Verschlagenheit, die vermuten ließ, dass sie nicht aus einem respektablen Elternhaus stammte. Wie allerdings eine derart beeindruckende Lady dazu kam, den gewöhnlichen kleinen Jerry Troughton zu heiraten, das war vielleicht viel weniger rätselhaft, als es auf den ersten Blick aussah. Meredith hatte schon häufiger mit Zweckehen dieser Art zu tun gehabt. Wo auch immer Jerry seiner Miriam begegnet war, sie hatte wahrscheinlich ziemliche Schwierigkeiten gehabt und konnte nicht schnell genug verschwinden. Höchstwahrscheinlich waren ihre Lebensumstände derart, dass sie weder in Europa noch in den Vereinigten Staaten permanent hätte bleiben können, selbst wenn die Behörden ihr zunächst eine Einreisegenehmigung erteilt hätten. Mr. Jerry Troughton war genau im richtigen Augenblick vorbeigekommen, wie ein fahrender Ritter längst vergangener Zeiten, und hatte die junge Dame aus ihrer Not errettet. Damals war sie bestimmt dankbar gewesen, und es musste eine seltene und berauschende Erfahrung für Jerry Troughton gewesen sein, eine so wunderschöne, kluge Frau im Arm zu halten und in seiner Schuld zu wissen. Doch Dankbarkeit hat ihre eigenen Gesetze, und sie hält in der Regel nicht lange vor. Ohne Zweifel war Miriam bald zu dem Schluss gekommen, dass jegliche Verpflichtung ihrem Retter gegenüber längst eingelöst war. Jerry hingegen hatte sicher reichlich Zeit, seinen ritterlichen Impuls zu bereuen. Miriam beugte sich vor.

»Dieses Mädchen, das man tot gefunden hat – stimmt es, dass es im Vogelkäfig war? Kann das sein?« Sie hob eine fein nachgezogene Augenbraue.

»Das ist vielleicht bizarr! Ein Leichnam, und all die kleinen Vögel flattern um ihn herum. Grotesk, aber durchaus interessant, meinen Sie nicht?«

»Ja, man fand sie in der Voliere. Wir wissen nicht, wie sie dorthin gekommen ist oder was sie dort zu suchen hatte.« Meredith hätte ihr noch darin zugestimmt, dass es bizarr war. Doch einen Mord als

»interessant« zu beschreiben, das ging ihr entschieden zu weit.

»Ehrlich gesagt, es war ein ziemlicher Schock.« Miriam schob die Hände zurück in die Taschen und zog die Schultern hoch. Der Wind zerzauste ihr langes Haar, und zusammen mit dem flatternden Seidenschal sah sie mit einem Mal aus wie eine Hexe.

»Nichts an diesem Ort könnte mich schockieren, meine Liebe. Er sendet schreckliche Schwingungen aus. Ich kann so etwas spüren. Sie vielleicht auch?«

»Ich bin nicht übersinnlich veranlagt, falls Sie das meinen«, antwortete Meredith.

»Nein? Macht nichts.« Miriam streichelte Meredith mitfühlend den Arm.

»Es ist eine sehr seltene Gabe, und nicht jeder besitzt sie, wissen Sie?« Urplötzlich zerrte sie an ihrem Seidenschal und zog eine dünne Goldkette hervor, an der eine Art Amulett aus grünem Stein baumelte.

»Das hier habe ich immer an! Es schützt mich gegen den bösen Blick!« Sie drehte den Kopf zur Seite, hob die Hand und spuckte sauber zwischen Mittel- und Ringfinger hindurch. Inzwischen hatte sich Meredith der Meinung Rachels angeschlossen, dass Mrs. Troughton verrückt sein musste. Wenn auch vielleicht nicht ganz irre, dann doch auf jeden Fall sehr merkwürdig und ziemlich Furcht einflößend. Unvermittelt änderte sich Miriams Gesichtsausdruck. Die braunen Samtaugen ruhten rätselhaft auf Meredith.

»Aber wenigstens hat der arme Alex jetzt seine Ruhe. Was glauben Sie?« Ohne eine Antwort abzuwarten, marschierte sie an Meredith vorbei ins Hotel. Als Meredith in der Halle ankam, war Miriam bereits verschwunden, wahrscheinlich in irgendeinen privaten Bereich. So faszinierend es auch sein mochte, mehr über die Lady in Erfahrung zu bringen, jede Anstrengung in dieser Richtung wäre eine interessante, doch wenig hilfreiche Ablenkung, denn einer Sache war sich Meredith inzwischen ganz sicher: Die Frau, die sie auf dem Gelände von Malefis Abbey und später bei Alex Constantines Beerdigung gesehen hatte, war nicht Miriam Troughton gewesen. Alan war nicht auf seinem Zimmer. Meredith fragte sich, was ihn so lange aufgehalten haben mochte. Sie würde ihm später von Miriam erzählen. Wie es schien, fand sie keine Antworten auf ihre Fragen, sondern ständig weitere, neue Geheimnisse. Der Grund, aus dem Markby noch nicht wieder ins Hotel zurückgekehrt war, lag darin, dass er zusammen mit Selway im The Fox saß, das gerade für den Abend geöffnet hatte. Im Augenblick war das Pub noch schwach besucht. Der Wirt polierte hinter dem Tresen Gläser, und ein paar ältere Einheimische hatten sich in einer Ecke auf der anderen Seite des Lokals versammelt, wahrscheinlich ihrem Stammplatz. Dort saßen sie nebeneinander und starrten die beiden Fremden an, während sie gelegentlich von ihren Humpen tranken. Sie unterhielten sich nicht; wahrscheinlich hatten sie schon vor langer Zeit damit aufgehört, weil sie sich alles gesagt hatten, was es zu sagen gab. Einer der Männer hatte einen Hund mitgebracht, der durch das Lokal wanderte, den fleckigen Bodenbelag beschnüffelte und alte Kartoffelchips und Erdnüsse verschlang, die zwischen die Stühle gefallen waren. Selway kehrte vom Tresen zurück und stellte die beiden Pints auf den Tisch. Bier schwappte über den Glasrand und tropfte auf die von eingetrockneten Ringen übersäte Tischplatte.

»Ich mag Pubs wie dieses«, gestand Selway, während er sich auf einen geschwärzten Eichenstuhl setzte.

»Kein Firlefanz, keine Auswärtigen, keine Städter, die über das Land fahren und irgendein Countrypub einen ganzen Abend lang in Beschlag nehmen und es dadurch nutzlos machen für die Einheimischen.« Markby trank von seinem Bier.

»Ich bin ein Auswärtiger, könnte man sagen.«

»Sie sind ein echtes Problem, wissen Sie das eigentlich?«, grunzte Selway.

»Das war mir bewusst, ja«, antwortete Markby. Er musste grinsen.

»Ich verstehe Sie sehr gut. Wäre ich an Ihrer Stelle, hätte ich mich auch gefragt, welche Rolle ich in dieser Sache spiele.«

»Wir haben über die Möglichkeit gesprochen, dass Sie uns in die Irre führen.« Selways gemütlicher Bariton schwächte die anklagenden Worte zu einer nüchternen Feststellung ab.

»Wir mussten der Möglichkeit nachgehen, insbesondere im Hinblick auf Ihre frühere Beziehung mit der Witwe. Sie stecken ziemlich tief in der Geschichte drin, drehen Sie es, wie Sie wollen!«

»Das lag nie in meiner Absicht!« Markby klang bitter.

»Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß! Ich kann Sie nur bitten, mir zu glauben.«

»Ich glaube Ihnen. Außerdem …«, Selway klopfte auf seine Brusttasche,

»… außerdem haben Sie soeben ein sehr wichtiges Beweisstück übergeben. Ich denke, das entlastet Sie ausreichend. Aber vergessen Sie nicht, dass ich nicht für den Superintendent sprechen kann.«

»Hawkins? Ich bin ein Mann, der Fotos von Rosen schießt, während keine sechs Meter entfernt jemand ermordet wird! Das wird er mir niemals verzeihen!« Er sah seinem Gegenüber in die Augen.

»Irene Hardy wollte mir dieses Bild zuerst gar nicht geben. Sie sorgt sich, es könnte in der Gemeinde der Eindruck entstehen, dass Gillian dafür verantwortlich ist. Ich habe ihr versprochen, dass die Polizei Stillschweigen bewahrt. Beide Eltern behaupten felsenfest, dass Gillian niemand war, der sinnlos Zerstörung angerichtet hätte. Wally hat seine eigenen Vermutungen, wer dahinter stecken könnte.«

»Das haben Sie erwähnt, ja. Glauben Sie, er hat Recht, und der junge Nevil James hat das Bild zerschnitten?« Selways Augenbrauen zuckten fragend über dem Rand seines Bierglases.

»Ich halte es zumindest für sehr wahrscheinlich. Nach allem, was ich über Gillian in Erfahrung bringen konnte, war sie tatsächlich nicht der Typ. Sie scheint ein einfacher Mensch gewesen zu sein – damit meine ich nicht zurückgeblieben, sondern unkompliziert. Sie ist Probleme wohl eher direkt angegangen, ohne irgendwo Stolperfallen zu bemerken. Sie scheint außerdem heimlich in Nevil verliebt gewesen zu sein. Falls Nevil psychiatrische Behandlung benötigt, wie das Foto nahe zu legen scheint, dann würde Gillian das sicher nicht erkannt haben. Sie würde ihn für verwirrt und unglücklich gehalten und seine verhängnisvolle Vernarrtheit in Rachel dafür verantwortlich gemacht haben. Er konnte nicht von Rachel lassen, wie Gillian es sah, also musste sie Rachel dazu bringen, Nevil den Laufpass zu geben. Normale Argumente hätten das nicht bewirkt. Also hat sie versucht, Rachel Angst zu machen.« Markby trank einen Schluck von seinem Pint und fügte hinzu:

»Ich versuche, Ihnen Gillians Sichtweise zu erläutern. Ich sage nicht, dass ihre Sicht der Dinge richtig gewesen ist. Offen gestanden, ich kann mir nicht vorstellen, dass Rachel je etwas von Nevil gewollt hat oder will! Gillian sah es anders, und Gillian ist möglicherweise zu dem Schluss gekommen, dass sie Rachel das Foto zeigen muss und ihr sagen, dass Nevil es getan hat. Nur dadurch konnte sie Rachel genügend erschrecken, um mit Nevil zu brechen.«

»Hmmm.« Selway suchte nach seinem Tabaksbeutel.

»Also geht die junge Gillian mit dem Foto nach Malefis Abbey und schlüpft durch den Wintergarten ins Haus, in der Absicht, Rachel Constantine zu suchen und ihr den Beweis zu zeigen. Doch Mrs. Constantine behauptet, nie mit Gillian gesprochen zu haben. Falls sie uns die Wahrheit gesagt hat …«, Selway schoss aus kleinen glitzernden Augen einen Blick auf Markby ab,

»… falls sie uns die Wahrheit gesagt hat, dann war sie den ganzen Morgen ungestört in ihrem Arbeitszimmer, ohne zu bemerken, dass jemand das Haus betreten hatte. Aber Gillian Hardy ist im Wintergarten jemandem begegnet. Nicht Mrs. Pascoe, die sich in der Stadt aufgehalten und Einkäufe gemacht hat. Und auch nicht Martin, dem Gärtner, der ausgesagt hat, dass er auf der anderen Seite des Grundstücks gearbeitet und niemanden gesehen habe. Was bedeutet, dass entweder jemand lügt oder dass wir nach jemandem suchen, an den wir bisher noch überhaupt nicht gedacht haben. Hätten Sie eine Idee, wer das sein könnte?«

»Ich wünschte, ich hätte eine«, sagte Markby niedergeschlagen. Selway stopfte seine Pfeife und sog am Mundstück, bis sie brannte. Der Hund, ein älterer Greyhound, kam zu Markby und beschnüffelte sein Knie. Markby tätschelte den knochigen Kopf, doch da er kein Leckerchen anzubieten hatte, wanderte der Greyhound bald weiter.

»Hat es vielleicht etwas mit Constantine zu tun?«, fragte Selway abrupt.

»Oder suchen wir nach zwei verschiedenen Mördern und zwei verschiedenen Motiven?«

»Ich weiß zwar noch nicht, wie Constantines Tod in das Bild vom Mord an Gillian Hardy passt, aber irgendwie müssen die beiden Taten im Zusammenhang stehen«, antwortete Markby entschieden.

»Ich bin so gut wie sicher, dass es ein und derselbe Täter war, auch wenn Modus Operandi und Tatwaffe unterschiedlich sind. Das kommt wohl daher, dass er ursprünglich nicht beabsichtigt hat, Gillian zu töten; er hatte keine Zeit, ihren Tod zu planen wie bei Alex. Irgendwie muss ihm das arme Kind in die Quere gekommen sein, und er hat sie getötet, weil er sich in die Enge getrieben fühlte. Warum in der Voliere? Das wissen wir nicht. Allerdings können wir davon ausgehen, dass die Tat des Mörders durch das Foto ausgelöst wurde, schon allein deswegen, weil er seine Flucht lange genug hinausgezögert hat, um der Toten das Foto zu entwinden. Die arme, einfache Gillian Hardy wusste, dass es im Stande war, Ärger zu verursachen. Was sie hingegen nicht wusste, ist die Tatsache, dass es reinstes Dynamit war!« Markby fauchte frustriert.

»Es ist wie ein halb gelöstes Puzzlespiel, bei dem die unbenutzten Steine durcheinander in der Schachtel liegen.«

»Die eingeordneten Teile helfen uns nicht viel weiter«, sinnierte Selway durch eine Wolke von aromatischem blauen Qualm hindurch.

»Wir haben einen Mann, der in Lynstone gelebt hat, aber in London ermordet wurde. Plus einer ziemlich schlimm verunstalteten Fotografie einer exzentrischen, doch ansonsten harmlosen Einheimischen, versteckt im Schlafzimmer eines dummen jungen Mädchens, das in einem Vogelkäfig umgebracht wird! Wo ist die Verbindung? Nevil James? Er war am Tag von Constantines Ermordung nicht in London! Er hat Zeugen, die bestätigen, dass er zum fraglichen Zeitpunkt hier in Lynstone gewesen ist!«

»Einer davon war Gillian selbst, und sie ist tot«, erinnerte Markby.

»Außerdem noch eine Frau, eine gewisse Mrs. Lang, die an jenem Tag einen Hund in der Pension abgeliefert hat, und zwar bei Nevil. Sie wurde bereits vernommen, und ihrer Aussage nach besteht kein Zweifel, dass es Nevil war. Sie gehört zu den Frauen, die sich an junge Männer erinnern. Nevil muss ziemlichen Eindruck bei ihr hinterlassen haben. Mrs. Lang ist eine unvoreingenommene Zeugin, und selbst der Superintendent hat akzeptiert, dass Nevil als Täter ausscheidet. Aber das ist Hawkins’ Fall. Meiner ist die Ermordung von Gillian Hardy.«

»Ihr Tod war die Folge einer Panikreaktion«, sagte Markby langsam.

»Ich habe das sichere Gefühl, dass es so war. Der Täter geriet in Panik. Und vielleicht wiederholt sich diese Situation, wissen Sie?«

»Wir sagen ständig ›er‹.« Selways wacher Blick ruhte auf Markby.

»Aber ein weiterer Teil unseres Puzzles ist eine schöne und wohlhabende Frau. Wie Sie wissen, lautet eine der ersten kriminalistischen Fragen nach einer Tat: Wem nutzt sie? Und bis jetzt scheint nur eine Person von Alex Constantines Tod zu profitieren, und das ist seine Witwe; die ein sehr ansehnliches Vermögen erbt. Ich weiß, es ist schwierig für Sie, aber Sie sollten sich darauf gefasst machen, dass Rachel Constantine ihre Hand im Spiel gehabt haben könnte.« Markby schwieg eine Weile, bevor er antwortete.

»Ich weiß. Aber rein physisch kann sie ihren Ehemann nicht umgebracht haben, weil sie für ein Foto posiert hat, als er von der Giftnadel getroffen wurde. Ich kann auch nicht glauben, dass sie den Mord an ihm in Auftrag gegeben haben soll. Warum hätte sie das tun sollen? Er hat ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen und ihr alles gegeben, was sie sich gewünscht hat. Warum hätte sie ihn umbringen sollen oder umbringen lassen sollen? Um es ganz plump zu sagen: Warum die Gans töten, die goldene Eier legt? Wenn sie ihn loswerden wollte, hätte sie sich auch von ihm scheiden lassen und eine hübsche Abfindung von ihm verlangen können. Glauben Sie mir, so hätte Rachel es gemacht.« Markby verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

»Ich muss es schließlich wissen!« Nachdem er sich von Selway verabschiedet und dessen Angebot, ihn zu fahren, dankend abgelehnt hatte, machte sich Markby zu Fuß auf den Heimweg zum Hotel. Der Hinweg hatte ständig bergab geführt, der Rückweg bergauf war nun sehr anstrengend. Markby hatte Selways Angebot nicht abgelehnt, weil er sich auf die Aussicht gefreut hatte, gegen den Wind einen steilen Berg hinaufzumarschieren, sondern weil er vermeiden wollte, dass Superintendent Hawkins ihn in Selways Wagen zurückkehren sah. Es nutzte niemandem, wenn der Superintendent sich in den Kopf setzte, dass Markby und der einheimische Beamte eine Art Allianz gegen ihn gebildet hatten. Markby war nicht der Einzige, der zu Fuß unterwegs war. Nach einer ganzen Weile, als ihn die Beine schon schmerzten und ihm die Erkenntnis dämmerte, dass er längst nicht so fit war, wie er geglaubt hatte, bemerkte er eine andere Gestalt ein Stück weiter vor sich. Ein junger Mann, wie es aussah, und er kam noch langsamer voran als Markby. Entweder war er noch weniger fit, oder er trödelte, weil er nicht früher ankommen wollte, als er unbedingt musste, wohin auch immer er ging. Als Markby langsam näher kam, stellte er fest, dass es Nevil James war, der mit den Händen in den Taschen und gesenktem Kopf durch die Gegend schlurfte.

»Hallo!«, rief Markby ihm freundlich zu. Nevil blickte über die Schulter nach hinten und blieb stehen, bis Markby bei ihm war. Er sah nicht sonderlich begeistert über die Begegnung aus und erwiderte Markbys Gruß lustlos. Doch der Wind hatte seine bleiche Gesichtsfarbe aufgefrischt und sein Haar durcheinander gebracht, sodass er mehr wie ein gewöhnlicher Landbewohner und nicht ganz so verschlossen wirkte wie üblich.

»Ich war bei den Hardys zu Besuch«, informierte ihn Markby.

»Der Tod ihrer Tochter ist ein schrecklicher Schlag für die beiden.«

»Ich weiß«, murmelte Nevil.

»Ich komme auch gerade von dort. Sie haben erzählt, dass Sie da gewesen sind.« Markby fragte sich, wie die Hardys Nevil empfangen hatten, insbesondere nachdem Mr. Hardy Markby gegenüber seiner unverblümten und wenig schmeichelhaften Meinung über den jungen Mann Ausdruck verliehen hatte. Als wüsste er genau, was Markby dachte, fuhr Nevil fort:

»Ich weiß nicht, ob sie mich gerne gesehen haben. Irene hat ununterbrochen geweint. Wally mochte mich noch nie, und jetzt scheint er mich noch weniger zu mögen. Sie scheinen einen guten Eindruck bei den beiden hinterlassen zu haben. Irene nannte Sie einen ›echten Gentleman‹.« Bei diesen Worten wurde Markby mit einem Seitenblick bedacht, aus dem viel Groll und eine Andeutung von Spott sprach. Markby ignorierte es, doch er glaubte erklären zu müssen, wo er die restliche Zeit nach seinem Besuch verbracht hatte.

»Ich war noch auf ein Pint im Pub. Ein wenig trostlos ist es dort.«

»Was hatten Sie denn in dieser Gegend anderes erwartet?«, entgegnete Nevil.

»Ich verstehe, was Sie meinen. Es ist sehr still hier. Haben Sie nie überlegt wegzugehen? Sich irgendwo anders eine Arbeit zu suchen, in einer Stadt?«

»Gedacht schon«, gestand Nevil leise.

»Aber es auch tun ist etwas ganz anderes. Haben Sie meine Mutter kennen gelernt?«

»Nein, nicht wirklich. Ich habe eine Menge über sie gehört. Sie scheint eine Persönlichkeit in Church Lynstone zu sein.«

»Ma?« Nevil warf Markby einen verbitterten Blick zu.

»Oh, vermutlich hat sie jede Menge Charakter. Sie hatte ein schweres Leben. Mein Vater hat uns sitzen lassen, wissen Sie.«

»Das wusste ich nicht, aber es tut mir Leid, das zu hören.«

»Sie müssen sich nicht bei mir entschuldigen. Ich erinnere mich nicht einmal an ihn. Aber Ma kann ihn nicht vergessen, das ist ihr Problem! Ich kann sie und die Zwinger nicht im Stich lassen! Sie würde nicht zurechtkommen ohne mich. Verstehen Sie …« Nevil blieb erneut stehen und wandte sich seinem Begleiter zu.

»Verstehen Sie, Ma ist nicht so tüchtig, wie sie glaubt. Oh, sie ist äußerst entschlossen und fleißig und alles, aber sie hat ihre schwachen Stellen.«

»Wie Achilles«, lächelte Markby.

»Haben wir die nicht alle?«

»Achilles? Ach ja, der Bursche mit der vertrackten Sehne. Hören Sie, stimmt es, dass Sie früher einmal mit Rachel verheiratet waren?«

»Ja. Stört es Sie?« Nevil wirkte ein wenig sprachlos.

»Nein … äh, ja. Ich meine, macht es Rachel nicht nervös, wenn Sie wieder in ihrer Nähe sind? Ist das nicht ein wenig taktlos?«

»Sie hat mich gebeten zu kommen«, antwortete Markby ein wenig vorwurfsvoll.

»Aber sie hat mich!« Nevils Stimme nahm einen klagenden Tonfall an. Er klang wie ein Kind, dem ein Erwachsener sein Lieblingsspielzeug weggenommen hat.

»Nevil …« Markby zögerte. Es war nicht an ihm, diesem jungen Romantiker zu sagen, dass Rachel nicht einen Penny auf ihn gab. Er würde es irgendwann selbst herausfinden. Wahrscheinlich wusste er es in seinem Herzen längst und weigerte sich nur, es zu akzeptieren.

»Lassen Sie Rachel doch selbst entscheiden, was sie will und was nicht«, sagte er diplomatisch.

»Sie glauben, Rachel will mich nicht?« Nevils blasses Gesicht leuchtete rot, entweder vom kalten Wind oder vor Zorn.

»Was zur Hölle wissen Sie schon davon?«

»Nichts.« Es war an der Zeit, das Thema zu wechseln.

»Sie und Ihre Mutter müssen sehr aufgebracht sein wegen Gillian Hardys Ermordung. Sie haben jahrelang eng zusammengearbeitet; Gillian muss fast schon eine Freundin gewesen sein.« Die Energie, die Nevil aus seinem Zorn gezogen hatte, verschwand schlagartig. Er wich vor Markby zurück und begann eiligen Schrittes den Berg hinaufzumarschieren. Doch er konnte sein eigenes Tempo nicht halten, und schließlich wurde er langsamer und rang nach Atem. Markby holte ihn wieder ein.

»Sie war ein gutes Mädchen«, sagte Nevil mit schwerer Zunge zwischen zwei Atemzügen. Er hielt den Kopf gesenkt, und Markby konnte sein Gesicht nicht sehen.

»Ihre Eltern waren jedenfalls sehr auf Gillian angewiesen«, erwiderte Markby.

»Sie werden es schwer haben, ohne ihre Tochter zurechtzukommen, insbesondere, wo sie die Einzige mit einem Führerschein war und ihr Vater schwerbehindert ist. Sie sitzen jetzt in ihrem Cottage wie ein Fisch auf dem Trocknen.«

»Das weiß ich alles selbst!«, rief Nevil, und der Wind wehte ihm die Worte von den Lippen.

»Ich war eben erst bei ihnen, oder haben Sie das vergessen? Sie müssen mir keine Vorträge darüber halten! Wer sind Sie überhaupt? Sie kommen hierher, mischen sich in unsere Angelegenheiten, stecken Ihre Nase in alle möglichen Dinge …« Seine Stimme bebte vor Zorn, und er marschierte von neuem los, entschlossen, Markby abzuhängen. Diesmal ermattete er nicht so schnell wie beim ersten Mal, und da es so aussah, als würde er lieber vor Erschöpfung umfallen, bevor er sich noch einmal einholen lassen würde, ließ Markby ihn ziehen. Als er beim Hotel ankam, war Nevil außer Sicht. Mr. Troughton begrüßte ihn in der Empfangshalle.

»Ihre Freundin Miss Mitchell war hier, Chief Inspector! Sie hat nach Ihnen gesucht, denke ich.« Er schüttelte traurig den Kopf.

»Sie haben sie verpasst.«

Nachdem sie Alan nicht vorgefunden hatte und keine Lust verspürte, unverrichteter Dinge nach Malefis Abbey zurückzukehren, war Meredith zum Windmill Hill spaziert, vorbei an den beiden jungen Männern, die noch immer vor dem Tor warteten, und hinauf bis zum Gipfel des Hügels. Inzwischen wehte der Wind kräftig und eiskalt, ging durch ihren Pullover hindurch. Die Aussicht von oben war genauso atemberaubend wie zuvor, wenn auch um einiges trostloser. Es hatte etwas Prähistorisches. Die Landschaft hatte sich in Jahrhunderten kaum verändert, nicht seit der Zeit, da der Mensch seine ersten Hütten aus Lehm und Stroh in dieser Gegend errichtet hatte.

Der Gedanke an primitive Behausungen erinnerte sie an das Lager, das sie und Alan bei ihrem letzten Besuch hier oben entdeckt hatten. Sie trottete mit gegen den Wind gesenktem Kopf über den schmalen Trampelpfad und durch das hohe, im Wind raschelnde Gras in Richtung der runden Erhebung.

Die zertrampelte Wiese war vom Wind zerzaust, doch ansonsten war alles, wie sie es zwei Tage vorher verlassen hatten – mit einer Ausnahme. Eine zweite Zigarettenschachtel lag neben der ersten ursprünglichen. Meredith blinzelte. Sie war sicher – oder jedenfalls beinahe sicher –, dass dort vorher nur eine Schachtel gelegen hatte. Sie konnte sich irren. Diese zweite Schachtel hatte vielleicht unbemerkt in der Nähe im hohen Gras gelegen und war nun vom Wind zu der anderen geweht worden. Es war die gleiche Marke.

Dann fielen ihr die beiden Journalisten ein, die den Eingang von Malefis Abbey belauerten.

»Die Presse!«, rief sie erzürnt.

»Sie hatten einen Mann hier oben, wahrscheinlich mit einem Fernglas. So eine Unverfrorenheit!« Sie funkelte die Zigarettenschachteln an.

Trotzdem empfand sie diese wahrscheinliche Erklärung als beruhigend. Sie fühlte sich sehr allein hier oben und warf einen beunruhigten Blick über die Schulter. Falls, wer auch immer die erste Packung zurückgelassen hatte, wieder hierher gekommen war, dann konnte er – oder konnten sie – jederzeit erneut auftauchen. Presse oder nicht, Meredith wollte ihnen nicht begegnen. Ihr wurde bewusst, dass sie fror. Sie rieb sich die Arme. Froh über die Ausrede, gehen zu können, eilte sie den Hügel hinunter, zurück nach Malefis Abbey. Als sie das Tor mit den beiden Pfosten erreichte, einer mit Steinananas und einer ohne, platschten ihr die ersten dicken Regentropfen ins Gesicht.

Entweder der Regen oder Merediths eigenes mürrisches Verhalten von vorhin hatten die Reporter vorläufig vertrieben, daher konnte sie nicht fragen, ob sie einen Spitzel auf dem Hügel abgestellt hatten. Sie fragte sich, während sie ins Haus rannte, ob Rachel oben noch wach war. Die Antwort kam sogleich. Aus dem hinteren Teil des Hauses, dort, wo die Orangerie angebaut war, ertönte ein schrilles Kreischen, gefolgt von unterdrückten Schreien:

»Geh weg! Geh weg!«

»Rachel!« Merediths Herz schlug bis zum Hals, als sie durch das Haus rannte und in die Orangerie platzte. Die Tür zum Garten stand weit offen. Rachel kauerte in der Mitte der gläsernen Halle, die Hände schützend über den Kopf geschlagen. Rings um sie flatterten die Kanarienvögel, die ihrem Drahtgefängnis entkommen waren und ihre neue Freiheit genossen. Sie schwärmten und flatterten und zwitscherten aufgeregt. Einer kam sogar herab und landete auf Rachels Nacken, während sie sich noch tiefer zusammenduckte.

»Nimm dieses Viehzeug von mir!«, kreischte sie unter den schützenden Armen hervor.

»Sie können dir nichts tun, Rachel!« Meredith packte sie verärgert an der Schulter und zog sie hoch.

»Um Himmels willen, Rachel, das sind nur kleine Vögel und keine Geier! Wie sind sie überhaupt herausgekommen? Und ich dachte, du würdest schlafen!«

»Ich hasse sie! Ich hasse sie!« Rachel schlug wild nach einem kreisenden Kanarienvogel.

»Ich bin aufgewacht und nach unten gegangen, weil Stauntons alberne Pillen nicht gewirkt haben. Ich hab nur versucht, diese elenden Vögel zu füttern! Nevil ist heute Morgen nicht vorbeigekommen, um es zu machen. Ich schätze, weil die Polizei hier gewesen ist und überall herumgeschnüffelt hat. Also hab ich mir ein paar Körner genommen, die Tür geöffnet und mir ein Herz gefasst, um reinzugehen, und wusch! Die undankbaren Bestien sind alle direkt an mir vorbei nach draußen gerauscht! Wie um alles in der Welt sollen wir sie wieder in ihre Voliere kriegen?«

»Ich weiß es nicht. Aber wir können sie alle in der Orangerie lassen und fangen einen nach dem anderen wieder ein. Wir stellen Körner in der Voliere auf. Sie werden hungrig sein und fliegen dann von alleine wieder hinein.«

»Sie können von mir aus alle verhungern! Ich werde bestimmt nicht mehr in ihre Nähe gehen! Ich rufe morgen beim Vogelzüchterverband an und bitte sie, diese Biester allesamt abzuholen! Sie können sie geschenkt haben!« In diesem Augenblick klapperte die Tür zum Garten, und Meredith ruckte rechtzeitig herum, um zu sehen, wie die Tür geöffnet wurde und Martin im Durchgang stand.

»Passen Sie auf!«, rief sie.

»Die Vögel sind ausgebrochen!« Ein paar der Kanarien flatterten bereits auf Martin zu, angezogen von dem Schwall frischer Luft, der hinter ihm hereinwehte. Martin hob automatisch die Arme, um sein Gesicht zu schützen, doch glücklicherweise besaß er genügend Geistesgegenwart, um ganz einzutreten und die Tür hinter sich zuzuziehen.

»Wer hat die Vögel herausgelassen?«, fragte er ernst.

»Ich habe durch das Glas gesehen, wie die Tierchen überall umherflattern!«

»Ich habe sie nicht rausgelassen!«, brüllte Rachel ihn an.

»Sie sind ausgebrochen!« Der Gärtner hob beruhigend die Hände.

»Schon gut. Ich werde mich darum kümmern, Madame. Hören Sie, Madame?« Rachel presste die Hände auf die Ohren.

»Gehen Sie zurück ins Haus, ich fange sie irgendwie wieder ein.«

»Machen Sie das!« Rachel rannte durch die Tür ins Wohnzimmer.

»Mademoiselle?« Martin sah Meredith an, die reglos dagestanden und den Gärtner angestarrt hatte.

»Sie können ebenfalls gehen. Ich kümmere mich um das hier.«

»Was? Oh, ja, ja …« Meredith folgte Rachel langsam nach draußen. Irgendetwas war soeben geschehen. Irgendetwas, das eine vergessene Saite in ihrem Gedächtnis zum Schwingen gebracht hatte, doch der Anstoß war nicht stark genug gewesen. Irgendetwas, aber was?

KAPITEL 20

Als Markby am folgenden Morgen den Frühstücksraum des Hotels betrat, hörte er seinen Namen rufen.

»Chief Inspector! Da ist Post für Sie gekommen!« Markby wandte sich um. Troughton eilte herbei, aufgeregt schwitzend, das dünne Haar zerzaust und dicke Ringe unter den Augen, und übergab Markby einen wattierten Umschlag.

»Alles in Ordnung?«, fragte Markby besorgt. Troughtons Stupsnase zuckte, und in seinen Augen leuchtete Panik.

»Ja, ja. Es ist alles, äh, in Ordnung. Meine Frau ist nach Hause gekommen, verstehen Sie …?« Er machte kehrt und eilte in die Küche zurück. Markby zuckte die Schultern. Wir haben alle unsere Probleme. Auch Mavis wirkte nicht so gemütlich wie sonst, als sie Markby das Frühstück aus gebratenem Schinkenspeck und Eiern servierte. Selbst der Schinkenspeck sah verschrumpelt aus, als schämte er sich seiner selbst, und die Tomaten waren sogar angebrannt.

»Stimmt etwas nicht, Mavis? Troughton sieht aus, als hätte er Stress.«

»Sehen Sie sich diese Tomaten an, Chief Inspector!«, erwiderte Mavis und deutete auf den Teller vor ihm.

»Hätte ich es früher bemerkt, hätte ich sie Ihnen gar nicht erst serviert! Sie kam in die Küche und hat mich belästigt, während die Tomaten im Backofen waren, und ich hätte sie fast vergessen! Bevor ich mich versah, war der Backofen viel zu heiß. Die Würstchen in der Pfanne sahen aus wie Holzkohlestäbchen! Ich musste sie wegwerfen. Deswegen habe ich Ihnen keine gebracht.«

»Mrs. Troughton?«, erkundigte sich Markby. Mavis seufzte tief.

»Sie haben ja keine Ahnung, Chief Inspector! Es ist so still und friedlich hier, solange sie nicht da ist! Sobald sie zurückkommt, verwandelt sie das Hotel in einen Hexenkessel. Alles geht schief! Der Backofen wird zu heiß, Tassen zerbrechen, Lieferanten lassen uns sitzen! Wussten Sie, dass heute Nacht ein ganzes Regal mit Pfannen umgefallen ist?«

»Ich glaube, ich habe etwas klappern gehört.« Markby nahm Messer und Gabel zur Hand und bereitete sich darauf vor, trockenen Schinkenspeck und karamellisierte Tomaten zu vertilgen.

»Das ist sie!«, flüsterte ihm Mavis zischend ins Ohr.

»Ich bin wirklich nicht abergläubisch, aber ich schwöre, dass ich merke, wenn sie in der Nähe ist! Es ist ein ganz eigenartiges Gefühl! Und die Katze wagt sich auch nicht in ihre Nähe!« Mit diesen Worten stapfte sie davon, das Tablett unter dem Arm. In der Tür begegnete sie Hawkins.

»Was hat das alles zu bedeuten?«, fragte der Superintendent, während er am Nachbartisch Platz nahm.

»Hexen am Werk«, berichtete ihm Markby.

»Die sind alle völlig daneben hier unten!«, lautete Hawkins’ Meinung, während er die Tageszeitung aufschlug. Amüsiert stellte Markby fest, dass es eines der geschmähten Boulevardblättchen war.

»Ich möchte nach London und zu normalen Menschen, das ist alles, was ich will!« Während Hawkins sich vernehmlich über die barbusige Schönheit auf Seite drei entrüstete, öffnete Markby den Umschlag, den Troughton ihm gegeben hatte. Er enthielt die entwickelten Abzüge seines Chelsea-Besuchs. Markby öffnete den Mund, um den Superintendent zu informieren, doch dann änderte er seine Meinung. Sollte Hawkins ruhig zuerst sein Frühstück beenden und seine Zeitung fertig lesen; auf diese Weise hatten er und Meredith Gelegenheit, die Bilder zuerst und in Ruhe zu betrachten. Es bestand immerhin die Möglichkeit, dass sie etwas bemerkte, was ihm entging. Ein Schatten strich vor dem Fenster vorbei, und Markby blickte gerade rechtzeitig auf, um eine Frau zu sehen. Sie war fremd und sah fantastisch aus, mit langem, rötlich braunem Haar. Sie ging eilig die Auffahrt hinunter.

»Mrs. Troughton, nehme ich an«, murmelte Markby leise zu sich selbst. Sie war zu einem Spaziergang aufgebrochen, wie es schien. Das Personal in der Hotelküche würde mächtig erleichtert sein.

Meredith war ebenfalls unterwegs. Sie war gerade von Malefis Abbey aufgebrochen und wollte zum Hotel. An diesem Morgen war es definitiv frisch, und wie es schien, hatte die Natur einen ihrer launischen Sprünge gemacht und den Frühling vorläufig vergessen. Für ein paar Tage würde wieder Winter herrschen.

Trotz der Kälte war Martin bereits fleißig bei der Arbeit. Meredith konnte ihn nicht sehen, doch sie hörte das Klappern einer Gartenschere, und von Zeit zu Zeit erzitterte die über die Gartenmauer ragende Wand aus Grün, als sie mit der Schere attackiert wurde. Es war allerdings auch an der Zeit, die Hecken zu trimmen. Als Meredith näher kam, hörte sie die Stimme des Gärtners. Er unterhielt sich laut mit jemandem auf Französisch.

Neugierig marschierte Meredith durch das Tor und über den Weg in Richtung Hotel. Martin stand auf einer Leiter, die auf der Straßenseite an der Grundstücksmauer lehnte. Der Boden rings um die Leiter war übersät mit abgeschnittenen Trieben. Martin hatte seine Arbeit vorübergehend unterbrochen und stand seitwärts auf der Leiter, einen Fuß auf einer Sprosse, den Ellbogen auf dem Abschlussstein der Mauer, die Schere in der freien Hand baumelnd, und unterhielt sich mit Mrs. Troughton, die unter ihm auf dem Weg stand. Es war, wie es schien, eine sehr ernste Unterhaltung. Wahrscheinlich ging es um den Mord an Gillian. Mrs. Troughton hatte bereits ihr Interesse an der Tat bekundet.

Als die beiden Meredith bemerkten, verstummte ihr Gespräch, und beide wandten sich ihr zu.

»Guten Morgen, Mademoiselle Meredith!«, rief Martin ihr lächelnd entgegen, ohne seine unsichere, wenn auch akrobatische Haltung aufzugeben. Mit tänzerischer Eleganz schwang er herum und nahm seine Arbeit wieder auf. Ein Schauer von Grünzeug fiel raschelnd zu Boden. Miriam kam Meredith entgegen. Sie lächelte ebenfalls, doch in ihren braunen Augen stand Berechnung. Sie trug eine gefütterte Jacke und, vielleicht weil sie zu Fuß und auf einem Spaziergang war, flache Stiefel. Es gelang ihr trotzdem, den Eindruck zu erwecken, als würde sie über die Bond Street spazieren.

»Meine Liebe!«, rief sie Meredith zu.

»Sie sind wie ich eine Frühaufsteherin. Unternehmen Sie vielleicht einen Verdauungsspaziergang wie ich auch? Ich muss jeden Morgen spazieren gehen, wegen meiner Verdauung, wissen Sie? Es ist dieses englische Essen! Es liegt einem im Magen wie ein Federbett! Ich esse selbstverständlich nur Früchte zum Frühstück – aber englische Früchte? Pah! Verschrumpelte Äpfel und winzige Orangen!«

»Ich gehe nur zum Hotel«, antwortete Meredith hastig, bevor Miriam sie einladen konnte, sich ihrem gesunden Marsch anzuschließen. Sie hätte entgegnen können, dass Miriams Beschreibung englischer Früchte höchst unzutreffend sei, doch das wäre wahrscheinlich reinste Zeitverschwendung gewesen. Wie es aussah, hatte sie mit dieser Bemerkung auf einen weiteren Grund für Mrs. Troughtons Unzufriedenheit hingewiesen.

»Das Hotel, pah! Es macht mich verrückt, morgens, dieses Hotel. Ich kann es einfach nicht ertragen!« Sie erschauerte dramatisch.

»Der Geruch von Bratfett, der Schinken und die Eier! Ich war vorhin bei dieser dummen Frau in der Küche, dieser Mavis, um sämtliche Fenster zu öffnen, aber sie hat sich furchtbar aufgeregt und hat das ganze Essen in einen Mülleimer geworfen! Können Sie sich das vorstellen?«

»Ja, kann ich«, sagte Meredith wahrheitsgemäß und stellte sich die Szene vor. Miriam kam näher und zupfte an Merediths Pullover.

»Sind Sie wirklich warm genug angezogen mit dem da? Es ist schrecklich kalt heute. Sehen Sie nur, ich habe meine Winterjacke an! Um diese Jahreszeit! Aber hier in Lynstone ist es immer kalt, stimmt es nicht, Martin?« Sie sprach seinen Namen französisch aus.

»Oui, Madame!«, antwortete der Gärtner ergeben von seinem Hochsitz herab. Er begegnete Merediths Blick und grinste verstohlen.

»Wind, Schnee, Eis!«, deklarierte Mrs. Troughton trotz der Tatsache, dass es genau genommen immer noch ein schöner Frühlingsmorgen war, wenn auch ein wenig kühl.

»Ein schreckliches Klima, und eine schreckliche Gegend!« Sie senkte die Stimme.

»Meine Liebe, ich habe letzte Nacht von Ihnen getrrräumt!« Sie rollte das ›r‹.

»Tatsächlich? Von mir?« Meredith klang genauso verblüfft, wie sie war.

»Es muss eine Bedeutung haben. All meine Träume haben eine Bedeutung.« Sie schürzte die kirschroten Lippen.

»Ich werde darüber nachdenken, während ich spazieren gehe. Ich schreibe alles auf und schicke Ihnen einen Brief. Nein, danken Sie mir nicht – ich mache es, weil es eine Begabung ist, die mir geschenkt wurde.« Sie deutete zum Himmel hinauf.

»Ich muss es weitergeben, verstehen Sie?« Mit diesen Worten nahm sie ihren Verdauungsspaziergang wieder auf und marschierte mit der Eleganz eines zum Schafott verurteilten Aristokraten in Richtung Windmill Hill davon.

»Keine Sorge, Mademoiselle«, sagte Martin tröstend von der Leiter herab.

»Wenn Mrs. Troughton Ihnen die Zukunft vorhersagt, dann ist sie immer wunderbar.« Meredith lachte.

»Gut zu wissen … Sie haben sich auf Französisch mit ihr unterhalten?«

»Mrs. Troughton spricht ganz ausgezeichnet französisch«, lobte Martin sie.

»Aber sie ist auch sehr, wie sagt man, cosmopolite. Und außerdem hat sie chic. Une femme formidable, wenn Sie verstehen.« Er betrachtete nachdenklich Merediths weite Hosen, den schlabberigen Pullover und die Wanderschuhe.

»Ich lasse Sie jetzt wohl besser mit Ihrer Arbeit allein«, sagte Meredith in der Erkenntnis, dass es an der Zeit war zu gehen, bevor Martin eine Bemerkung über ihren Mangel an chic machen oder sich erkundigen konnte, wie gut ihr eigenes Französisch war. Während sie ging, überlegte sie, dass das französische formidable im positiven Sinn ›beeindruckend‹ bedeutete, nämlich mit ›prachtvoll‹ oder ›wunderbar‹ zu übersetzen war, während das englische formidable ›beeindruckend‹ eher im negativen Sinn, im Sinne von ›schrecklich‹, ›Furcht erregend‹ meinte. Sie begann sich zu fragen, ob es möglicherweise ein Irrtum gewesen war, Mrs. Troughton bei ihrer ersten Begegnung als interessant, aber nicht weiter wichtig einzustufen. In Merediths Kopf summten neue Ideen. Miriam sprach sehr gut Französisch. Die gebildeten Libanesen sprachen ebenfalls alle Französisch. Dieser eigenartige Rotton von Miriams Haaren konnte durchaus aus dem Versuch resultieren, die natürliche schwarze Haarfarbe aufzuhellen. Rachel hatte erzählt, dass mit Ausnahme von Alex sämtliche Männer seiner Familie getötet worden wären. Was die Frauen anging, so hatte Rachel nicht gewusst, was aus ihnen geworden war. Was wurde aus Frauen, die ihre Männer verloren? In einer Kultur, in der Frauen aus Tradition nicht arbeiteten und nicht unabhängig waren, sondern stets unter dem Schutz ihrer Männer standen – seien es nun Väter, Brüder, Onkel oder Ehegatten –, bedeutete es eine Katastrophe, wenn etwas geschah, das die Frauen dieses Schutzes beraubte. Wenn eine Frau ohne den Kokon aus männlichen Familienmitgliedern zudem noch mittellos war, musste sie sich einen neuen männlichen Beschützer suchen. Und wenn sie von einem männlichen Verwandten im Stich gelassen worden war, der normalerweise für ihren Schutz zu sorgen gehabt hätte, dann würde sie ihm niemals verzeihen. Die Tradition des Nahen Ostens kannte keine Vergebung. Nur Rache. Ist das im Rahmen des Möglichen?, dachte Meredith und blieb in der Auffahrt zum Hotel stehen. Kann es sein, dass Alex, obwohl er schon Jahrzehnte zuvor aus seiner alten Heimat weggegangen war, bevor er hierher kam, in Lynstone einem Racheengel begegnet war? Miriam besaß chic, zugegeben, und diese Sorte chic war ziemlich kostspielig. Jerry Troughton konnte unmöglich so viel Spielgeld erübrigen. Miriam musste also eigene Einnahmequellen besitzen. War es möglich, dass Miriam ihren Sportwagen, ihre Designermodelle und all die kleinen Urlaubsaufenthalte fern vom verhassten Lynstone mit Hilfe von Erpressung finanziert hatte? Meredith ging langsam weiter. Alex hatte hin und wieder in der Hotelbar einen Drink genommen, um die Mittagszeit, gewöhnlich allein. Manchmal jedoch, so Miriams eigene Worte, hatte sie ihm Gesellschaft geleistet. Sie hatten ein freundschaftliches Verhältnis zueinander gepflegt. Aber waren sie Freunde gewesen? Oder hatten sie lediglich die Einzelheiten einer regelmäßigen Apanage ausgehandelt, die verhinderte, dass Miriam Schwierigkeiten machte? Einmal mehr fragte sich Meredith, worüber Miriam und Martin sich unterhalten hatten. Hatte Miriam vielleicht versucht, irgendwelche Einzelheiten in Erfahrung zu bringen, die sie zu ihrem Vorteil ausnutzen konnte? Eine lukrative Einnahmequelle war schließlich weggefallen – hatte sie nach einer neuen gesucht? Einer Chance, Rachel bluten zu lassen, wie Alex geblutet hatte? Doch eines hätte Miriam ganz gewiss nicht getan, falls Alex ihr regelmäßig Geld gab: Sie hätte ihn nicht getötet, ganz gleich, wie sehr sie ihn gehasst haben mochte.

Meredith betrat den Frühstücksraum in dem Augenblick, als Markby mit seiner verbrannten Mahlzeit fertig wurde.

»Hallo«, sagte er.

»Möchtest du noch etwas Kaffee?«

»Nein, danke. Ich habe schon gefrühstückt. Rachel ist zu Dr. Staunton gefahren, um sich stärkere Medikamente verschreiben zu lassen. Malefis Abbey geht mir langsam ziemlich an die Nieren. Ich wünschte, ich könnte auch hier wohnen.«

»Nicht, wenn du das Frühstück essen müsstest, das ich gerade zu mir genommen habe!« Markby nahm sie beim Arm.

»Komm, wir gehen in die Lounge. Ich habe die Abzüge von dem entwickelten Film, dem von der Ausstellung.« Sie kamen bei Hawkins vorbei, der gerade seinen letzten Toast mit Marmelade bestrich.

»Guten Morgen, Superintendent!«, begrüßte Meredith ihn freundlich.

»Das muss sich erst noch herausstellen«, murmelte Hawkins.

»Den Bauch voll mit verbranntem Toast ist nicht gerade meine Vorstellung von einem guten Start in den Tag! Was ist bloß los in der Küche?«

»Was ist los in der Küche?«, fragte Meredith, als sie den Frühstücksraum verlassen hatten.

»Und es wallet und siedet und brauset und zischt, wie wenn Wasser mit Feuer sich mischt …«, erwiderte Markby.

»Heißt so viel wie, der Backofen spielt verrückt und der Toaster klemmt. Mavis’ Ansicht nach hat Mrs. Troughton alles verhext.«

»Ich kann es kaum glauben! Ich habe sie eben erst auf dem Weg hierher getroffen! Sie hat sich mit Martin unterhalten, wahrscheinlich hat sie versucht, Neuigkeiten aus ihm herauszuholen, jede Wette. Sie hat letzte Nacht von mir geträumt, und sie will ihren Traum deuten und mir Bescheid geben, was er zu bedeuten hatte. Ich bin nicht sicher, ob ich es wirklich wissen will.« Sie hatten die Lounge betreten und stellten fest, dass sie ganz allein waren. Irgendwer hatte ein Feuer im Kamin angezündet, und es knisterte munter. Hin und wieder gab es ein scharfes Knacken, und eine kleine Rauchwolke stieg auf. Meredith warf sich in eines der Sofas.

»Ich habe über Miriam nachgedacht, und mir sind ganz wilde Ideen gekommen. Vielleicht ist es nur ihre Verrücktheit, die mich ins Grübeln bringt, aber sie könnte hinter der ganzen Geschichte stecken. Versuch doch, ein paar Worte mit ihr zu reden, wenn sie von ihrem Verdauungsspaziergang zurück ist, und dir ein Bild von ihr zu machen.« Er setzte sich in den Sessel neben ihr.

»Sie ist also nicht die Frau, die du an jenem Abend im Garten gesehen hast? Oder auf dem Friedhof? Du bist ganz sicher?«

»Ja, absolut sicher. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass sie es war. Diese Gestalt, die uns so lautlos und unauffällig beobachtet hat – sie beunruhigt mich, Alan. Aber reden wir über Miriam. Ich frage mich, ob Alex sie von früher gekannt hat. Vielleicht hat sie ihn erpresst. Falls ja, würde sie ihn wohl kaum ermordet haben, das ist das Problem.«

»Es sei denn, er hat sich geweigert, weiter Geld zu bezahlen«, schlug Markby vor.

»Wie wollen wir das beweisen? Ich wüsste keinen Weg. Ich könnte mich irren, und wahrscheinlich tue ich das auch. Es ist nur … ich habe das ungute Gefühl, dass Miriam eine äußerst gefährliche Frau ist. Ich glaube nicht, dass es irgendetwas gibt, wozu sie nicht im Stande wäre, wenn sie einen Nutzen daraus ziehen kann. Los, komm, zeig mir die Fotos!« Markby schüttelte die Aufnahmen aus dem Umschlag auf einen niedrigen Tisch, und sie beugten sich darüber.

»Ein hübsches Bild von den afrikanischen Veilchen.« Meredith ging vorsichtig ein Bild nach dem anderen durch.

»Schrecklich, wie ich mit dem Eis in der Hand vor dem Musikpavillon stehe! Warum musstest du dieses Bild machen, Alan?«

»Ich hielt es eigentlich für ziemlich gut. Sieh nur, hier ist das Bild von dir und Rachel.« Sie beugten sich über die Aufnahme.

»Nichts Interessantes zu sehen«, sagte Meredith enttäuscht.

»War ja wohl auch nicht zu erwarten, schätze ich.« Sie gingen jede Aufnahme noch einmal durch. Unvermittelt nahm Meredith ein Bild hoch.

»Halt, warte mal! Hier ist etwas!« Markby beugte sich zu ihr und starrte auf das Foto in ihren Händen.

»Das ist einer meiner Fehlschüsse. Ich wollte die Rosen knipsen, du erinnerst dich? Aber diese verflixte Frau musste genau in dem Augenblick ins Bild marschieren, als ich auf den Auslöser gedrückt habe.« Meredith schüttelte das Bild aufgeregt unter Markbys Nase.

»Das ist sie! Das ist die Frau, die ich auf der Beerdigung und vor dem Haus gesehen habe! Die Frau, der ich die Straße hinunter gefolgt bin, du erinnerst dich?« Markby nahm ihr das Foto aus der Hand.

»Bist du sicher? Sie trägt einen Hut. Ich kann ihr Gesicht kaum erkennen!«

»Ich weiß. Sie trägt auch ein anderes Kleid, aber ich bin si cher, das ist sie!«

»Sicher genug, um es vor Hawkins zu beschwören?« Markby hob fragend eine Augenbraue.

»Absolut sicher!« Meredith nahm ihm das Bild wieder weg.

»Ja, das ist sie! Ich habe sie zweimal auf der Ausstellung gesehen – ich meine, ich habe zweimal zu ihr geblickt. Einmal, als ich sie fast umgerannt hätte, und das zweite Mal, als sie an uns vorbeigegangen ist. Sie hielt ihr – o mein Gott!«

»Was denn?«, fragte er scharf.

»Ich weiß, wer sie ist. Ich kenne sie …«, flüsterte Meredith.

»Es ist diese Geste. Ich wusste doch, dass ich sie irgendwo schon einmal gesehen habe!«

»Könntest du bitte deutlicher werden!« Meredith war ganz bleich geworden, und ihre Aufregung war nicht zu übersehen.

»Als sie das zweite Mal an uns vorbeikam, hielt sie die Hand hoch, mit dem Programm darin, um ihr Gesicht abzuschirmen. Ich dächte damals, dass sie fürchtete, ich könnte sie erneut anrempeln – aber jetzt weiß ich, dass sie nicht wollte, dass ich sie genau ansehe! Oder wahrscheinlich hat sie es nicht einmal meinetwegen gemacht, sondern wegen Alex! Sie wollte nicht, dass Alex sie genau sehen kann! Er hätte sie durch die Verkleidung erkannt, weißt du? Er hätte sie erkannt, ich meine, nicht sie …«

»Meredith!«, flehte er.

»Kannst du nicht endlich auf den Punkt kommen?«

»Tue ich doch! Der Punkt ist – sie ist keine Frau!« Meredith tippte auf die Gestalt auf dem Bild.

»Und Alex hätte sie erkannt! Das ist Martin, der Gärtner!« Schweigen breitete sich aus. Das Feuer knackte erneut und sandte einen Funkenschauer in den Schornstein. Markby nahm das Foto hoch und starrte es an.

»Bist du sicher? Martin als Frau verkleidet?«

»Warum nicht? Seit ich diese Frau auf dem Grundstück von Malefis Abbey zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich, dass ich sie kenne! Als ich gestern nach Malefis zurückkam, waren die Kanarien aus der Voliere entwischt und flatterten in der Orangerie umher. Martin kam aus dem Garten herbeigerannt, um zu helfen, und als er die Tür öffnete, flogen die Vögel auf ihn zu. Er hob die Hand, um sein Gesicht abzuschirmen, und ich dachte augenblicklich, dass ich das schon einmal gesehen hatte. Es war die Geste! Die Art und Weise, wie er die Hand hob! Es war genau die gleiche Bewegung wie auf der Ausstellung, als die Frau – als er die Hand mit dem Programm hob!« Markby saß mit der Fotografie in den Händen da und starrte nachdenklich auf den Kamin. Eine Flamme leckte über ein Holzscheit und fraß sich endlich fest.

»Es wird schwierig, das zu beweisen«, sagte er leise.

»Ich werde es beweisen!«, entgegnete Meredith vehement.

»Wie denn? Mach ja keine Dummheiten! Ich gebe Hawkins diese Fotos und höre mir an, was er sagt. Er wird sicher mit dir reden wollen.« Markby zögerte.

»Sag Rachel bitte nichts davon.«

»Natürlich nicht!« Er schwieg und wich ihrem Blick aus.

»Und halt dich von Martin fern!«, fügte er unvermittelt hinzu.

Hawkins nahm die Neuigkeiten mit ausgesprochener Skepsis auf, doch er wies die Vorstellung nicht ganz von sich.

»Ich dachte eigentlich, er würde uns auslachen!«, murmelte

Meredith hinterher.

»Warum?«, erwiderte Markby.

»Er ist ein Profi. Er wird sich nicht gleich auf die Idee stürzen, aber er wird sie auch nicht abtun, ohne sie vorher überprüft zu haben.« Der Mann aus London hatte die Abzüge an sich genommen und beide gebeten, mit niemandem darüber zu sprechen. Er würde sie wissen lassen, falls etwas bei seinen Nachforschungen herauskam. Doch er hat nicht gesagt, wie lange es dauern kann, dachte Meredith niedergeschlagen, als sie sich allein auf den Rückweg nach Malefis Abbey machte. Und Hawkins war niemand, der Informationen aus reiner Höflichkeit weitergab. Er hatte die Bilder an sich genommen und war gegangen, und damit war die Sache erledigt. Sie würden wahrscheinlich erst erfahren, ob aus ihrer Identifikation etwas geworden war, wenn Hawkins eine Verhaftung vornahm. Martin war immer noch mit der Hecke beschäftigt, doch er hatte sich ein gutes Stück weitergearbeitet, den Berg hinauf, und war so in seine Arbeit vertieft, dass er sie bei ihrer Rückkehr nicht zu bemerken schien. Merediths Blicke wanderten von der Gestalt auf der Leiter zu dem Torpfosten, der seiner Ananas beraubt war und unter dem sie gestanden hatte. Jemand hat versucht mich umzubringen, und ich habe jedes Recht der Welt, nach dem Täter zu suchen!, sagte sie sich. Ich werde auf gar keinen Fall warten, bis Hawkins in die Gänge gekommen ist! Angenommen, der Täter, wer auch immer es ist, unternimmt einen weiteren Versuch? Trotz der Indizien hoffte sie im Stillen immer noch, dass die Frau auf dem Foto nicht Martin war. Irgendwie mochte sie den jungen Gärtner. Ihre Blicke wanderten erneut zu der Stelle, wo Martin auf seiner Leiter saß. Es war ein eigenartiges und unangenehmes Gefühl zu denken, dass er versucht haben könnte, sie zu ermorden. Und es war keine Frage, die sie unbeantwortet lassen konnte. Sie musste die Antwort finden, auf die eine oder andere Weise, und zwar dringend.

KAPITEL 21

Meredith mied das Haus und hielt sich in der Deckung der Büsche, während sie durch den Garten in Richtung der geräumigen Garage mit der Wohnung darüber eilte. Bei der Garage angekommen, spähte sie durch die offenen Tore und sah Alex’ Mercedes und den Mini von Mrs. Pascoe. Rachels Wagen war nirgends zu sehen, also musste sie noch bei Dr. Staunton sein, oder sie war in die Stadt gefahren. Meredith umrundete das Gebäude und näherte sich der Holztreppe, die an der Seite hinauf zur Wohnung des Gärtners führte. Sie schlich die Treppe hinauf, während sie ununterbrochen lauschte und sich umsah für den Fall, dass Martin das Werkzeug beiseite legte und in seine Wohnung zurückkehrte. Die Tür oben an der Treppe war verschlossen. Es war enttäuschend, doch keine Überraschung. Sie hätte damit rechnen müssen. Meredith schlich die Stufen wieder hinunter und ging niedergeschlagen zum Haus. Sie wusste nicht, wie man Schlösser mit einem Dietrich öffnete. Was sie benötigte, war ein Schlüssel. Doch den würde Martin haben, und sie konnte schwerlich zu ihm gehen und ihn darum bitten. Halt, Augenblick mal!, dachte sie. Diese Wohnung gehörte schließlich zum Haus, sie war eine Unterkunft für Dienstpersonal. Irgendwo im Haus musste es also noch einen weiteren Schlüssel geben! Meredith ging zur Küchentür und spähte in die Küche. Mrs. Pascoe war nicht zu sehen. Meredith trat ein und sah sich in der warmen, ordentlichen Küche um. Ein Platz für alles, und alles an seinem Platz. Aber wo war der Platz für die Reserveschlüssel? Eine flüchtige Suche verlief ergebnislos. Es war natürlich möglich, dass Rachel die Schlüssel aufbewahrte. Doch sie würde sie nicht bei sich tragen, oder jedenfalls nicht den Schlüssel für die Gärtnerwohnung. Alex’ Schreibtisch! Meredith eilte die Treppe hinauf zum Arbeitszimmer. Der Schreibtisch war unverschlossen und übersät mit Papieren. Rachel hatte offensichtlich hier gearbeitet und plante, später damit weiterzumachen. Vorsichtig, um nichts zu verändern, spähte Meredith in die Ablagefächer und schob Briefumschläge und gefaltete Briefe mit den Fingerspitzen auseinander. Nichts. Sie probierte die Schubladen, doch nur eine war unverschlossen, und sie enthielt nichts außer weiteren Papieren. Sie bückte sich und spähte in die Aussparung unter den Ablagefächern – und dort waren sie! Ein kleiner Schlüsselbund an einem Haken, der mit einer Schraube am Holz befestigt war. Mit zitternden Fingern nahm Meredith die Schlüssel an sich. Sie waren sogar beschriftet! Haustür, Hintertür, Garage, Garagenwohnung …

Nicht wissend, dass Meredith das genaue Gegenteil von dem tat, worum er sie gebeten hatte (obwohl er hinterher eingestand, dass er es eigentlich hätte besser wissen müssen), betrat Markby das Vestibül des Hotels. Er beabsichtigte, nach Malefis zu gehen und mit Rachel zu reden. Doch seine Pläne wurden durchkreuzt.

Die Tür zum Büro hinter der Rezeption öffnete sich mit einem Klicken, und die Frau, die er am Morgen im FrühStücksraum am Fenster hatte vorbeigehen sehen, trat hinaus in die geflieste Empfangshalle.

Mrs. Troughton war offensichtlich bereits eine Weile von ihrem Verdauungsspaziergang zurück, denn jedes Indiz für einen solchen Spaziergang in dem kräftigen Wind, der momentan herrschte – zerzaustes Haar, wärmende, windundurchlässige Kleidung – war getilgt. Sie trug ein schickes zweiteiliges Wollkostüm in einem warmen Schwarz mit einer auffälligen Brosche aus gelbem Topas und Smaragden auf einer Schulter. Die Steine wirkten echt, und die Fassung bestand wahrscheinlich aus achtzehnkarätigem Gold. Ein kostspieliges, schön gearbeitetes Schmuckstück, wenn auch für Markbys Geschmack vielleicht ein wenig zu extravagant. Er war versucht, die gleiche, wenig schmeichelhafte Schlussfolgerung auch auf die Trägerin anzuwenden. Sie war zwar sehr gut zurechtgemacht, besaß eine ausgezeichnete Figur und wirkte noch immer atemberaubend, doch sie war nicht mehr in ihrer ersten Blüte. Trotzdem, ihr Gesicht besaß eine wilde Schönheit, die Bewunderung hervorrief.

Sie hatte seine Gedanken mit Leichtigkeit erraten und kam nun auf ihn zu, als würde sie von einem biologischen Radar gesteuert.

»Hallo«, begrüßte sie ihn kehlig.

»Sie müssen der andere Polizist sein. Ich bin Miriam.«

»Der andere Polizist?« Markby erkannte, dass er seinen Plan, nach Malefis zu gehen, noch eine Weile würde verschieben müssen.

»Ja. Rachels Freund. Nicht dieser unangenehme Mann aus

London, dieser Hawkins.« Sie betonte die zweite Silbe des Namens statt der ersten. Markby musste lächeln, und sie fragte:

»Ist das nicht sein Name?«

»O doch, so heißt er«, versicherte Markby ihr hastig.

Sie lächelte jetzt ebenfalls und zeigte ihre großen makellosen Zähne.

»Warum nehmen wir nicht einen Drink zusammen?« Sie blickte in die Richtung, die das bemalte Holzschild anzeigte.

»Ich glaube nicht, dass die Bar bereits geöffnet ist«, antwortete Markby.

»Ich mache sie auf.« Sie zuckte die Schultern.

»Nur für uns. Immerhin bin ich Mitbesitzerin dieses Hotels.« Sie hatten die Bar für sich ganz allein. Miriam ging hinter die Theke und schenkte ihm sein gewünschtes Bier aus, bevor sie sich ein Glas Orangensaft nahm. Dann kam sie wieder vor den Tresen und setzte sich neben Markby auf einen Hocker. Sie hob ihr Glas.

»Ich bin auf régime, wissen Sie? Kein Alkohol im Augenblick. Trotzdem: Cheers!«

»Cheers«, antwortete Markby und hob sein Glas. Sie trank von ihrem Saft und hinterließ kirschrote Spuren von Lippenstift an dessen Rand.

»Ich mag diesen Hawkins nicht. Er hat ein unglückliches Gesicht.«

»Ich hoffe, das Gleiche gilt nicht für mich«, sagte Markby und lächelte sie an.

»O nein! Sie haben ein gutes Gesicht. Ein sehr gutes Gesicht! Aber Sie haben gelitten, denke ich. Ich sehe es in Ihren Augen. Ja, Sie haben sehr gelitten, mein hübscher Polizist.« Sie ergriff seine Hand.

»Ich werde Ihnen die Karten legen. Ich bin sehr gut darin, in den Karten zu lesen. Aber ich habe meine Karten nicht bei mir. Heute Abend.« Er empfand genau das, was vor ihm Meredith empfunden haben musste. Was auch immer Miriam in seiner Zukunft zu sehen glaubte, er wollte es lieber nicht wissen. Sie musterte ihn nachdenklich.

»Gibt es ein Problem?«, fragte er.

»Nur, dass Alex immer genau dort gesessen hat, auf Ihrem Hocker. Es ist so traurig. Erzählen Sie mir«, sie fixierte ihn mit ihren klaren Augen.

»Warum verbringt dieser Hawkins so viel Zeit damit, hier nach Alex’ Mörder zu suchen? Der arme Alex wurde in London umgebracht!«

»Das müssen Sie Superintendent Hawkins fragen. Ich muss leider gestehen, dass er mich nicht in seine Gedankengänge einweiht.«

»Tatsächlich nicht?« Sie bemühte sich nicht, ihre Enttäuschung zu verbergen. Dann sah sie Markby skeptisch an.

»Aber Sie sind doch auch Polizist? Ein Kollege. Sicher wird er mit Ihnen über seine Arbeit sprechen? Das ist doch nur natürlich.«

»Es wäre höchst unvorschriftsmäßig, wenn er mit mir über den Fall spräche«, informierte Markby sie, obwohl er insgeheim vermutete, dass dieses Argument bei ihr am wenigsten zählte.

»Ich bin ein Zeuge, wissen Sie? Außerdem bin ich im Urlaub.« Wie erwartet, tat sie seine Argumente ab.

»Unvorschriftsmäßig? Unsinn! Selbstverständlich unterhalten Sie sich miteinander – aber Sie wollen mir nichts verraten!« Sie seufzte.

»Inzwischen wurde noch jemand anderes ermordet«, wies er sie hin.

»Hier in Lynstone.«

»Dieses Mädchen meinen Sie? Aber das hat doch wohl kaum etwas mit Alex zu tun! Es war ein Einbrecher. Diese großen Häuser ziehen Diebe an! Das arme Kind hat ihn wahrscheinlich überrascht.« Gar nicht schlecht – für eine Theorie.

»Erzählen Sie mir doch – kannten Sie Alex und Rachel, bevor die beiden hierher gezogen sind?«, ging Markby in die Offensive.

»Nein, warum?«, erwiderte sie entschieden.

»Sie und Alex, Sie stammen beide aus anderen Teilen der Welt. Sie haben doch sicherlich eine Menge gemeinsam?« Es gefiel ihr nicht, dass er nun die Fragen stellte, und sie rutschte vom Hocker.

»Ich muss gehen. Ich habe so viel zu tun. Wir sehen uns heute Abend. Und dann werde ich Ihnen die Karten legen.« Sie ging rasch davon, wobei es ihr immer noch gelang, die Hüften provokativ zu schwingen. Sie hatte ihren Orangensaft nicht ausgetrunken. Markby nippte an seinem Bier und blickte ihr gedankenverloren hinterher.

Meredith hatte sich beeilt, zur Gärtnerwohnung zurückzugelangen. Der Schlüssel drehte sich ohne Widerstand im Schloss. Die Tür schwang auf. Meredith zögerte unmerklich, dann schlüpfte sie hinein und schloss die Tür hinter sich. Sie wusste nicht, wann Martin zurückkehren würde, das war ihr größtes Problem. Doch es war noch nicht Mittagszeit. Sie konnte nur hoffen, dass er so gewissenhaft war, sein Werkzeug nicht vorher niederzulegen. Sie warf einen Blick auf ihre Uhr – zwanzig Minuten, höchstens, bis sie die Wohnung wieder würde verlassen müssen, gleichgültig, ob sie bis dahin etwas gefunden hätte oder nicht.

Die Möblierung war einfach, doch einigermaßen komfortabel. Im Wohnzimmer gab es nichts Interessantes zu sehen. An der Wand stand ein kleiner Fernseher. Abgesehen von Gartenmagazinen und ein paar alten französischen Zeitungen gab es nichts zu lesen. Keine Familienfotos. Keine Souvenirs, eingekauft in England, um sie mit nach Frankreich zu nehmen. Das winzige Schlafzimmer war gleichermaßen uninteressant. Einfach, fast mönchisch, ohne jeglichen persönlichen Stil.

Meredith runzelte die Stirn. Irgendetwas war faul an dieser Wohnung. Keinerlei persönliche Gegenstände. Martin hätte vom Mars kommen können – sie sah nichts, das auf Vorlieben oder Hobbys hingewiesen hätte oder auf eine Vorgeschichte.

Sie kehrte ins Wohnzimmer zurück. In einer Wand befand sich ein bogenförmiger Durchbruch, der dahinter liegende Raum war durch einen Vorhang aus blauen Plastikperlen vom Wohnzimmer abgetrennt. Sie schob die Perlen beiseite und entdeckte eine Kitchenette mit einem neuen Kühlschrank und einem etwas älteren Elektroherd. Auf dem Schrank stand eine Schale mit Früchten, und in einer Nische hing das Aroma frisch gemahlenen Kaffees, Knoblauchs und frischer Kräuter. Martin konnte also offensichtlich kochen.

Meredith ließ den Vorhang wieder fallen und ging, um den einzig verbliebenen Raum zu untersuchen, das Badezimmer. Und hier fand sie endlich die Beweise, die ihre Vermutung untermauerten. Im Badezimmerschrank standen, neben den üblichen Toilettenartikeln für Männer, ein Lippenstift, Makeup, Lidschatten, Gesichtspuder und ein kleines Fläschchen mit rotem Nagellack. Meredith nahm eine kleine Plastikschachtel in die Hand. Darin lagen ordentlich nebeneinander falsche Wimpern, die in ihrer Verpackung aussahen wie exotische Tausendfüßler. Meredith stellte alles wieder zurück und ging erneut ins Schlafzimmer. Der Kleiderschrank war fest eingebaut und nahm eine ganze Wand ein. Sie öffnete eine der Schiebetüren und ging die Kleidungsstücke durch. Ja, dort hing das marineblaue Kostüm mit dem Quäkerkragen, doch nicht das Kleid, das Martin auf der Chelsea Flower Show getragen hatte. Das hatte er wahrscheinlich vernichtet. Vermutlich hatte er es, zusammen mit dem Hut, einfach im Garten in einem seiner Laubfeuer verbrannt. Über der Kleiderstange befand sich ein Regalbrett. Meredith fuhr mit der Hand daran entlang und ertastete ordentliche Stapel von Unterwäsche und Pullovern. Dann berührten ihre Finger eine Plastiktüte. Der Inhalt fühlte sich ziemlich unangenehm an, weich und nachgiebig. Sie nahm die Tüte herunter und öffnete sie vorsichtig. Es war eine Perücke aus langem, braunem Haar. In diesem Augenblick wurde die Wohnungstür von außen geöffnet, und Meredith hörte Stimmen. Martin war zurückgekehrt und mit ihm jemand anderes. Meredith blieb keine Wahl. Sie schlüpfte in den Kleiderschrank, zog hinter sich die Schiebetür zu und duckte sich zwischen die Kleidungsstücke. Zuerst konnte sie nicht genau hören, was gesprochen wurde, was einerseits frustrierend war, andererseits jedoch beruhigend, denn es bedeutete, dass Martin und sein Besucher im Wohnzimmer waren. Sie hörte ein Klappern wie von Geschirr, und dann stieg ihr der Duft von Kaffee in die Nase. Martin nahm offenbar seine Mittagspause, und jemand leistete ihm dabei Gesellschaft. Meredith wünschte nur, sie hätte gewusst, wer es war. Dann stockte ihr der Atem. Jemand war ins Schlafzimmer gekommen und stand direkt vor dem Kleiderschrank. Die Stimme von Martin war ganz nah und deutlich.

»Ich hab dir doch gesagt, ich konnte nichts dafür!« Er klang eher ärgerlich als defensiv. Die andere Person war ihm ins Schlafzimmer gefolgt, und mit einer Stimme, die sich vor Nervosität und Zorn zu überschlagen drohte, sagte sie:

»Sie hätte doch nichts getan!« Es war Nevil James.

»Ich habe dir gesagt, sie hatte diese verdammte Fotografie! Du bist ein Dummkopf …«, Martins Stimme klang verächtlich,

»… ein Dummkopf, das Bild deiner Mutter auf diese Weise zu verstümmeln! Außerdem ist so etwas sehr respektlos«, sagte er streng.

»Respektlos?«, kreischte Nevil.

»Warum sollte ich sie denn respektieren? Meine Mutter ist ein Monster! Sie ist wie … sie ist wie ein Krake! Jedes Mal, wenn ich mich aus einem Arm befreit habe, fängt sie mich mit einem anderen wieder ein!«

»Pah! Warum gehst du nicht einfach weg? Du kannst nicht, eh? Du hast nicht den Mumm dazu! Mais enfin, was geht mich das an? Jedenfalls, wenn du schon dumme Spielchen mit Fotos treiben musst, dann vernichte sie wenigstens hinterher! Lass sie nicht irgendwo rumliegen, wo andere sie finden können!«

»Ich habe … ich habe sie verbrannt!«

»Nein, hast du nicht! Du hast es versucht, aber es war zu nass, dein erbärmliches kleines Feuer! Diese braunen Umschläge fangen nicht so leicht an zu brennen. Sie haben ein wenig geschwelt, aber die Bilder waren fast unversehrt. Jedenfalls hat sie mir das gesagt, deine Gillian. Sie hat den Umschlag aus dem Feuer geholt und die Bilder behalten. Sie wollte sie Rachel zeigen! Schlimmer noch, sie hat mir verraten, dass sie zwei dieser Fotos hat, und ich fand nur eines bei ihr, also muss es, Nevil, mon cher, irgendwo noch eins geben! Du suchst besser danach, bevor es die Polizei findet!« Zu Merediths Entsetzen öffnete sich die Schiebetür ein paar Zoll breit. Martins Fingerspitzen erschienen, legten sich um die Türkante.

»Und? Was wäre schon dabei gewesen, wenn sie Rachel das Foto gezeigt hätte?« Nevils Stimme hatte ein wenig an Sicherheit zurückgewonnen und klang nun trotzig.

»Es hätte dir nicht geschadet! Es war meine Sache, und ich hätte mich selbst darum kümmern können!« Ein paar Sekunden herrschte Schweigen, und vor der Schranktür bewegte sich jemand. Glücklicherweise schien Martin seine Absicht vergessen zu haben, den Schrank zu öffnen, wenigstens für den Augenblick.

»Du sagst, du hättest dich darum kümmern können. Aber du bist kein Mann, der sich um die Dinge kümmert, Nevil. Du bist ein Mann, der sich versteckt und zu viel über seine Probleme nachdenkt, und wenn du überhaupt etwas tust, dann schneidest du höchstens ein paar Löcher in eine Fotografie! Du würdest deine Mutter am liebsten umbringen, aber du traust dich nicht. Du hast nicht den Nerv, überhaupt jemanden zu töten. Du kannst nur Bilder zerschlitzen, mehr nicht!« Getroffen gab Nevil einen kummervollen Laut von sich, der Martins Spott zu mildern schien.

»Hör zu, mein Nevil«, fuhr er freundlicher fort,

»du weißt eine Menge über mich. So viel über das, was ich getan habe. Aber verstehst du, ich kann mich nicht auf dich verlassen! Du bist zu nervös – und diese Geschichte mit den zerschnittenen Fotos … Ich weiß nicht, was in deinem Kopf vorgeht, was du tun wirst. Besonders, wenn diese Frau, diese Rachel, dich wegen irgendetwas beschuldigt! Ich hätte mich dir nicht anvertrauen dürfen. Es war ein Fehler. Ich mache nicht viele Fehler, doch das war einer. Ich bedauere ihn.«

»Du hast dich mir nicht anvertraut!«, fauchte Nevil.

»Ich habe erraten, dass du ihn umgebracht hast! Du und deine merkwürdige Angewohnheit, in Frauenkleidern durch die Gegend zu laufen! Welcher Gärtner, ich meine, welcher richtige Gärtner würde so etwas tun? Ich wusste von Anfang an, dass du aus einem bestimmten Grund hier warst! Ich weiß nicht, wie oder warum – aber ich wusste vom ersten Augenblick an, dass du Alex umgebracht hast und dass du nur aus diesem Grund hergekommen bist!«

»Tatsächlich?« Martins Stimme klang nun ganz sanft, doch die Drohung darin war so unüberhörbar, dass die im Schrank lauschende Meredith fast aus dem Schrank gesprungen wäre. Halt die Klappe, Nevil! Du hast schon genug gesagt! Sie wollte ihm zurufen, entweder den Mund zu halten oder wenigstens etwas zu sagen, das Martin besänftigen würde.

»Und warum hast du der Polizei nichts gesagt, wenn du es gewusst hast?«, erkundigte sich Martin beinahe freundlich, mit sanfter Neugier in der Stimme. Mürrisch antwortete Nevil:

»Ich hatte Angst, dass Rachel … dass sie etwas damit zu tun haben könnte. Ich hätte nichts gesagt, wodurch sie Schwierigkeiten mit der Polizei bekommen hätte. Außerdem war es mir egal, dass er tot war. Es kam mir gelegen. Aber nicht Gillian! Du hättest die arme Gillian nicht töten dürfen!« Ein Seufzer war die Antwort.

»Ich habe es dir erklärt, Nevil, wieder und immer wieder. Es war notwendig. Wäre es nicht notwendig gewesen, hätte ich es nicht getan, glaub mir. Es tut mir Leid, ganz ehrlich, aber ich musste rasch handeln! Das musst du doch einsehen!«

»Ich weiß nicht …« Nevil klang noch immer unzufrieden.

»Außerdem …« Martins Stimme klang kühl und gehässig.

»Außerdem irrst du dich, wenn du mir die Schuld gibst, weißt du? Sie ist nämlich nur deswegen zum Haus gekommen, weil sie die Fotografien gefunden hat. Also, wer ist in Wirklichkeit für ihren Tod verantwortlich, hä? Du oder ich?« Nevils Widerstand brach zusammen. Er stieß ein leises Wimmern aus.

»Es tut mir Leid. Ich wusste nicht, dass sie die Fotos …«

»Komm.« Martin klang plötzlich aufmunternd.

»Wir machen eine Flasche Wein auf. Ich habe einen guten Wein da, einen französischen. Ich habe ihn von diesem Troughton. Der kleine Mann kennt sich wirklich aus mit Wein, weißt du? Nevil, hör zu, ich mag dich wirklich, und ich sehe dich nicht gerne unglücklich …« In Merediths Ohren klang diese letzte Beteuerung von Martins Zuneigung schlimmer als der beißende Spott zuvor. Sie konnte die beiden Männer nicht sehen, doch sie stellte sich vor, wie Martin Nevil eine Hand auf die Schulter legte und der ewig unsichere Nevil dankbar war für die Berührung. Die Schritte kehrten ins Wohnzimmer zurück, und Meredith stieß einen erleichterten Seufzer aus. In diesem Augenblick wurde ihr bewusst, wie stark sie angefangen hatte zu schwitzen, zum einen Teil wegen der Enge ihres winzigen Verstecks, zum anderen aus nackter Angst. Sie spannte die Arme und Beine an und machte sich bereit aufzuspringen und zur Tür zu rennen, falls Martin zurückkam und den Schrank noch einmal öffnete. Sie nahm an, dass die beiden Männer jetzt in der kleinen Kitchenette waren, wo Martin wahrscheinlich den Wein öffnete. Sie hörte ein dumpfes Klappern und einen Aufprall, als wäre etwas Schweres zu Boden gefallen. Schritte, hastig diesmal, kamen ins Schlafzimmer zurück und näherten sich dem Kleiderschrank. Meredith spannte alle Muskeln in ihrem Körper an. Dann hörte sie plötzlich andere Stimmen. Jemand war draußen vor der Wohnung, auf der Treppe. Dann klopfte es heftig an der Tür, und ein Mann – es klang, als sei es Hawkins – rief:

»Aufmachen!« Durch die Schranktür hörte Meredith, wie Martin heftig fluchte, zuerst auf Französisch, dann in einer anderen, gutturalen Sprache. Füßetrappeln, ein paar Möbel wurden verrückt, ein Knarren wie von ungeöltem Metall. Martin stieß ein angestrengtes Stöhnen aus, und dann war Stille. Das Klopfen an der Tür wurde heftiger.

»Hier ist die Polizei! Sofort aufmachen!«, schrie Hawkins. Meredith riskierte es, die Schranktür einen Spaltbreit aufzuschieben. Das Schlafzimmer war leer, das Fenster weit offen. Die Vorhänge flatterten im Wind. Martin war geflüchtet. Aber wo steckte Nevil? Vorsichtig verließ Meredith ihr Versteck im Schrank und ging zur Tür, die ins Wohnzimmer führte. Der Raum war leer. Die Wohnungstür erzitterte, als sich draußen jemand mit der Schulter dagegenwarf. Hawkins und seine Begleiter würden sie jeden Augenblick aufbrechen, und es schien Meredith sinnvoll, Rachels Eigentum vor Beschädigung zu bewahren. Sie ging zur Tür und sperrte auf. In diesem Augenblick flog der unglückliche Sergeant Weston wie von einem Katapult geschleudert in das Zimmer. Er stolperte an Meredith vorbei und segelte der Länge nach zu Boden.

»Was zur Hölle …?«, brüllte Hawkins. Er starrte wütend auf den daliegenden Weston, dann zu Meredith.

»Was haben Sie hier zu suchen? Warum haben Sie nicht gleich geöffnet?«

»Ich war im Kleiderschrank.« Sie wartete, was er dazu sagen würde. Als nichts kam, fuhr sie fort:

»Martin ist aus dem Schlafzimmerfenster geklettert …« Hawkins fluchte laut und wandte sich zu den uniformierten Beamten hinter ihm.

»Los, raus in den Garten! Suchen Sie nach diesem Kerl!«

»Warten Sie!« Meredith packte Hawkins am Ärmel.

»Haben Sie Nevil James gesehen? Er war hier bei Martin zu Besuch, ich habe gehört, wie die beiden sich unterhalten haben! Er hätte Ihnen eigentlich auf der Treppe begegnen müssen, als er gegangen ist.«

»Wahrscheinlich ist er auch durchs Fenster geflüchtet!« Hawkins funkelte sie düster an.

»Ich denke, Sie werden mir einiges erklären müssen.«

»Nein, er ist nicht durchs Fenster, ich bin ganz sicher! Wenn er nicht an Ihnen vorbeigekommen ist, dann … dann ist er noch hier drin …« Sie verstummte. Übelkeit breitete sich in ihrem Magen aus, die Vorahnung, dass etwas Schlimmes geschehen war. Weston hatte sich unterdessen wieder aufgerappelt und klopfte sich ab. Hawkins’ Blicke wanderten durch das leere Wohnzimmer.

»Er ist nicht im Schlafzimmer, sagen Sie?«

»Nein. Außerdem gibt es … nur das Badezimmer und die Kitchenette, da durch …« Sie deutete auf den Perlenvorhang.

»Los, sehen Sie nach!«, befahl Hawkins an Weston gewandt. Der Sergeant bewegte sich vorsichtig zum Vorhang hin und schob die blauen Perlenschnüre zur Seite.

»Mein Gott …!«, flüsterte er. Bei diesen Worten stürzten Meredith und Hawkins durch das Zimmer. Nevil befand sich in einer halb sitzenden, halb liegenden Position auf dem Fußboden, mit dem Rücken gegen den Schrank gelehnt. Aus seinem Brustbein ragte der Griff eines Messers. Seine Brille war heruntergefallen, und er sah mit offenen Augen und einem Ausdruck der Überraschung im Gesicht zu ihnen hinauf. Also hatte ich die ganze Zeit über Recht, dachte Meredith ziemlich zusammenhanglos. Ohne seine Brille sieht er gut aus! Doch das spielte keine Rolle mehr, denn Nevil James war tot.

KAPITEL 22

»Ich hätte ihn retten können!«, sagte Meredith zum wiederholten Male.

»Hör endlich auf damit!«, entgegnete Rachel verärgert.

»Das halte ich für absolut ausgeschlossen! Er hätte euch beide getötet!« Meredith saß auf dem gemütlichen Sofa. Sie zog die Füße an und versuchte angestrengt, ihren Verstand abzulenken, vergebens. Der Regen, der die letzten achtundvierzig Stunden am Himmel gehangen hatte, hatte endlich eingesetzt. Es war ein beständiges Nieseln, das die Luft mit Feuchtigkeit erfüllte und die Fenster mit einem feinen Muster aus Tropfen überzog, sodass man nicht nach draußen sehen konnte. Das Licht um halb zwölf am späten Vormittag war so erbärmlich, dass Rachel eine Tischlampe eingeschaltet hatte, damit sie ihre Post lesen konnte. Meredith wünschte, sie könnte sich davon überzeugen, dass Rachel Recht hatte mit ihrer Meinung und dass sie nichts, aber auch gar nichts hätte unternehmen können, um Nevils Leben zu retten. Doch in ihr nagte hartnäckig der Gedanke, dass sie die Tragödie hätte abwenden können, wenn sie nur ihre Angst überwunden hätte und aus dem Schrank gestürzt wäre, um Nevil zu warnen, ohne Rücksicht auf das Risiko, dem sie sich damit ausgesetzt hätte. Wenn Martin sich plötzlich zwei Personen gegenübergesehen hätte, wäre er wahrscheinlich gleich geflohen, statt alle beide anzugreifen. Meredith hatte Molly James seit der grausigen Entdeckung noch nicht gesehen, und sie fürchtete den Augenblick, an dem sie ihr das nächste Mal begegnete. Mollys Leben musste in sich zusammengestürzt sein. Zuerst Gillian und jetzt ihr eigener Sohn. Rein technisch betrachtet – wie wollte sie jetzt ihre Tierpension weiterführen? Eine neue Hilfe einstellen, vermutete Meredith, falls jemand in der Gegend zu finden war und falls Molly es ertragen konnte, in einer Umgebung voller Dinge zu leben, die sie an ihren Verlust erinnerten. Vielleicht würde sie einfach verkaufen und aus Lynstone weggehen. Doch Molly war niemand, der aufsteckte. Sie würde sich irgendwie durchbeißen.

»Es ist für mich noch viel schlimmer, verstehst du?«, sagte Rachel missmutig.

»Jetzt sagen die Leute, ich hätte Alex’ Mörder bei mir aufgenommen! Tag für Tag habe ich diesen Mistkerl gesehen und mit ihm geredet! Ich kann es immer noch nicht glauben – aber Hawkins lässt mich nicht einen Augenblick zu Atem kommen!« Sie hob den Brief, den sie gerade las, und schüttelte ihn in Merediths Richtung.

»Weißt du, er glaubt, ich hätte etwas mit Alex’ Tod zu tun! Ich bin ganz sicher, dass er das glaubt, ich sehe es an der Art und Weise, wie er mich anstarrt und wie er seine gemeinen Fragen stellt! Ich sage ihm immer wieder, dass Alex mein Leben war! Ich hätte niemals zugelassen, dass ihm irgendetwas geschieht, und bestimmt hätte ich ihm nichts angetan! Ganz im Gegenteil – ich hätte alles, alles nur Denkbare unternommen, um meinen armen Alex zu schützen!« Ihre Stimme vibrierte vor wilder Entschlossenheit, die nach Merediths Meinung unmöglich falsch sein konnte. Rachel sprach die Wahrheit. Sie hätte Alex keinen Schaden zugefügt. Doch was hatte Martin nach England geführt und auf seine tödliche Mission geschickt?

»Es ist nur, dass Hawkins versucht, ein Motiv für Martins Handlungsweise zu finden, Rachel. Er wird fortfahren Fragen zu stellen. Du hast Martin schließlich eine Anstellung gegeben.«

»Nicht ich, sondern Alex! Martin hat ihm Leid getan, und er wollte ihm helfen! Alex war so! Impulsiv und gutmütig! Dieser mörderische Bastard hat sich bei uns eingeschmeichelt! Ich hatte nichts damit zu tun!«

»Du bist trotzdem die einzige noch lebende Person, die Martin einigermaßen gut kannte. Und da Martin nicht greifbar ist, kann Hawkins allein dich über ihn befragen.« Meredith schürzte die Lippen.

»Vielleicht hat es ja etwas mit Alex’ altem Leben im Libanon zu tun. Weißt du irgendetwas darüber, Rachel?«

»Nein!«, entgegnete Rachel aufgebracht.

»Nicht die kleinste Kleinigkeit! Alex hat nie darüber gesprochen! Ich weiß, warum er weggegangen ist, und das habe ich dir bereits gesagt! Aus Furcht vor den Bomben und Entführungen und so weiter! Wenn du mehr wissen willst, dann musst du wahrscheinlich Martin fragen – wenn sie ihn finden.« Ja, wenn. Die Polizei hatte bisher noch keine Spur. Die übliche Fahndungsmaschinerie auf Flughäfen und Fähren war angelaufen, doch angesichts Martins Talent für Verkleidungen würde er nur schwer zu erkennen sein, falls überhaupt.

»Als Frau verkleidet, jede Wette!«, hatte Hawkins düster gemurmelt.

»Und es würde mich nicht überraschen, wenn er einen falschen Pass besitzt. Wahrscheinlich ist er längst über alle Berge!« Meredith überlegte, warum sie Hawkins Einschätzung nicht teilen mochte. Sie blickte zum Fenster. Es hätte sie wahrscheinlich nicht einmal überrascht, wenn Martin in diesem Augenblick durch die regennasse Scheibe zu ihnen hereingesehen hätte. Vor ihrem geistigen Auge entstand Martins Gesicht, ein Gesicht wie von einem mittelalterlichen Wandgemälde, mit glatten, regelmäßigen Zügen und glänzenden, großen Augen, ein Heiligengesicht, wo eigentlich ein Dämon hätte entstehen sollen. Sie blinzelte und kehrte in die Wirklichkeit zurück. Rachel legte den Brief zur Seite.

»Ich wünschte, Alan würde zurückkommen! Wo steckt er überhaupt?«

»Er ist zu den Hardys gegangen. Er dachte, es wäre angebracht. Sie haben ihm schließlich das andere Foto gegeben.« Bei der Erwähnung von Nevils Geheimnis hob Rachel die schönen Augenbrauen und erschauerte.

»Ich hätte nie geglaubt, dass Nevil, na ja, verrückt sein könnte! Ich wusste, dass er alles viel zu ernst nahm, sicher, aber das?«

»Er war nicht verrückt, nur gestört. Die arme Molly. Sie wird inzwischen alles erfahren haben. Die zerschlitzten Bilder, alles. Es wird sie vernichten. Als wäre es nicht genug, dass ihr Sohn tot ist, ermordet, jetzt erfährt sie auch noch, wie sehr er sie gehasst hat! Sie hat ihn abgöttisch geliebt, jeder konnte das sehen.«

»Mir tut sie nicht Leid!«, brummte Rachel resolut.

»Ich bin der festen Meinung, dass sie Nevil das Leben schwer gemacht und ihm nie eine Chance gegeben hat, sein eigenes Leben zu leben. Es muss für ihn gewesen sein wie damals, zu Zeiten der Inquisition! Sie wollte immer wissen, wohin er ging, warum, weshalb, und wann er wieder zurück war!«

»Weil sie sich Sorgen gemacht hat, wenn er immer wieder hierher zu dir gegangen ist, Ray! Hierher nach Malefis!«, konnte Meredith sich nicht verkneifen, mit einer gewissen Schärfe zu bemerken.

»Na und? Das war doch seine eigene Entscheidung! Er war schließlich kein kleiner Junge mehr! Er war siebenundzwanzig Jahre alt! Er hat von morgens bis abends in diesem elenden Tierheim gearbeitet, und Molly hat ihm nur ein Taschengeld gezahlt. Er hat die ganze Buchführung gemacht, hat die Zwinger repariert, das Haus gestrichen und die Hunde ausgeführt. Er ist niemals ausgegangen, er hatte keine Freunde. Er hat niemals eine Freundin gehabt, überhaupt keine Freunde, niemanden!«

»Falsch. Einen hatte er«, sagte Meredith säuerlich.

»Er hat sich mit Martin angefreundet, zu seinem Pech.« Aber vielleicht war es auch nicht weiter überraschend.

»Ich bin mit jemandem zusammen«, hatte Martin schüchtern zu Meredith gesagt, an jenem Tag, als sie sich im Garten unterhalten hatten. Sie hatte geglaubt, dass er das Mädchen im MiniMart gemeint hatte – doch er hatte in Wirklichkeit von Nevil gesprochen. Meredith fragte sich, wie sich Martin fühlte, nachdem er seinen Freund getötet hatte. Wo auch immer er sich jetzt aufhielt, war er jetzt vielleicht ebenfalls verstört? Draußen wurden Schritte laut, und Alan Markby trat ein, das Haar feucht und wirr. Er setzte sich auf einen Sessel, von dem aus er beide sehen konnte, und verkündete:

»Ich wurde völlig durchnässt! Ich musste zuerst nach oben gehen und mich umziehen und abtrocknen.«

»Warst du denn nicht mit dem Wagen unterwegs?«, fragte Rachel.

»Doch, aber ich musste ihn gegenüber vom Haus der Hardys auf dem Parkplatz des Pubs abstellen. Als ich wieder zurückkam, hat mich der Wirt abgefangen und mir Löcher in den Bauch gefragt. Er hat mich im Pub gesehen, als ich mit Selway dort war, und wohl gemeint, er könnte von mir Informationen aus erster Hand bekommen, um sie den Zeitungen zu verkaufen. Ich habe ihn hingehalten, bis er irgendwann aufgegeben hat, aber es hat die ganze Zeit geregnet, und er hatte sein Ölzeug an und Gummistiefel, und der Guss hat ihm nichts ausgemacht.«

»Was denn, lauert etwa schon wieder Presse vor dem Grundstück?«, fragte Rachel scharf.

»Ich habe niemanden gesehen, als ich herkam. Wahrscheinlich waren sie damit beschäftigt, sich auf leichtere Ziele zu stürzen.«

»Doch nicht etwa die Hardys?«, fragte ihn Meredith erschrocken.

»Wie kommen die beiden denn zurecht?« Alan blickte noch grimmiger drein.

»Sie werden in ihrem eigenen Haus belagert! Und ja, zwei Journalisten riefen um die Frühstückszeit herum an und boten ihnen eine hübsche Summe für eine ›menschliche Story‹. Wally hat sie hinausgeworfen, und das obwohl er an den Rollstuhl gefesselt ist! Es ist einfach widerlich zu sehen, wie Zeitungen über Menschen herfallen, ohne jede Rücksicht auf das, was sie gerade durchmachen! Sie drängen die armen, alten Leute, das Einzige zu verkaufen, was ihnen noch geblieben ist, die Erinnerungen an ihre Tochter! Keiner der beiden Hardys kommt mit Gillians Tod zurecht! Wenigstens wissen sie nun, dass nicht Gillian die Fotografien Mollys zerschlitzt hat.«

»Es war jedenfalls nicht meine Schuld, dass sich Nevil so verhalten hat!«, wies Rachel jede möglicherweise in seinen Worten versteckte Kritik dadurch zurück, dass sie zum Angriff überging.

»Ich wusste genauso wenig über die Fotos, wie ich wusste, dass Martin sich als Frau verkleidet! Ich habe ihn nie in Frauenkleidung gesehen! Meredith sagt, sie hätte ihn gesehen, aber ich bin sicher, dass ich ihn nicht gesehen habe!«

»Du hast ihn vielleicht nicht erkannt. Ich hab ihn im ersten Augenblick auch nicht erkannt«, erklärte Meredith.

»Nicht, bis ich das Foto von der Chelsea Flower Show gesehen hatte! Bevor ich Mrs. Troughton kennen gelernt habe, dachte ich, sie wäre die Frau gewesen, die ich auf dem Grundstück und bei der Beerdigung gesehen habe!«

»Miriam?« Rachel warf das honigblonde Haar zurück.

»Also Miriam ist wirklich verrückt!«

Meredith wollte es eigentlich nicht tun, doch sie musste. Alan hatte sich Zeit genommen, um die Hardys zu besuchen, und sie musste zu Molly.

Es regnete immer noch, als sie am Nachmittag zu den Zwingern hinüberging. Die Anlage sah verlassen und unglaublich trostlos aus. Alle Tiere waren außer Sicht und ins Trockene gebracht worden, und das trotz eines neu aussehenden handgemalten Schilds, auf dem zu lesen stand: VORSICHT BISSIGER HUND (ROTTWEILER). Molly hatte ihre eigene Methode, um mit aufdringlichen Journalisten fertig zu werden. Meredith klopfte an der ländlichen Hintertür des Hauses. Die einzige Antwort war ein tiefes Bellen aus einem der Zwinger, und gleich darauf kam ein hohes Japsen hinzu.

Beim zweiten Klopfen bekam sie eine Antwort aus dem Haus. Ein Knarren der Dielen auf der anderen Seite der Tür, und dann ertönte eine raue Stimme:

»Verschwinden Sie von meinem Grund und Boden, oder ich hetze Ihnen den Hund auf den Hals!«

»Ich bin es, Meredith!«, rief Meredith gegen die verbarrikadierte Tür. Eine Weile war nichts zu hören, dann bewegte sich ein Vorhang in einem Fenster, und schließlich, einige Augenblicke später, wurde die Türkette lautstark entriegelt und die Tür einen Spaltbreit geöffnet. Molly spähte nach draußen.

»Oh, Sie sind es«, sagte sie.

»Ich dachte, die verdammte Presse hätte sich schon wieder auf mich gestürzt. Entweder die Presse oder die Bullen. Ich kann weder die einen noch die anderen ertragen und ihre dummen Fragen! Immer und immer wieder die gleichen Fragen! Kommen Sie herein!«

»Haben Sie tatsächlich einen Rottweiler hier drin?«, fragte Meredith ein wenig nervös.

»Nein, er ist draußen in seinem Zwinger. Ich habe ihn gestern hereinbekommen. Ein absolut dämlicher Köter und viel zu blöde, um jemanden zu verjagen, aber er sieht gefährlich genug aus.« Mollys Gesicht war von Gram gezeichnet, das drahtige Haar ungebürstet, und sie hielt eine Zigarette in der Hand. In der Wohnung hing deutlich der Geruch nach Nikotin, Hunden und Gin.

»Ich habe Wally angeboten, ihm den Hund zu leihen. Die Mistkerle belästigen Irene und ihn ebenfalls. Aber Irene hatte Angst vor dem Tier. Außerdem ist der alte Wally in Rage genauso effektiv wie jeder Rottweiler!« Während sie sprach, führte sie Meredith durch die Küche und in ein unordentliches Zimmer, in welchem ein von Papieren übersäter Tisch stand sowie eine klapprige dreiteilige Sitzgarnitur, die einmal mit grünem Samt gepolstert gewesen war, doch davon war auf den abgewetzten Sitzflächen nichts mehr zu sehen. Ein Gasfeuer in einem Kamin ließ das Zimmer mit seinem orangefarbenen Schein ein wenig freundlicher aussehen.

»Ich habe überall angerufen.« Molly warf sich in einen der Sessel.

»Ich habe gefragt, ob die Leute kommen und ihre Haustiere abholen können. Die meisten können nicht. Natürlich nicht; könnten sie ihre Tiere mit nach Hause nehmen oder wären sie überhaupt zu Hause, würden sie ihre Lieblinge bestimmt nicht hergebracht haben. Aber ich bin allein, und ich schaffe die Arbeit nicht! Außerdem ist mir nicht besonders danach, um die Wahrheit zu sagen.« Zu hören, wie diese tapfere Frau eingestand, dass sie nicht im Stande war, allein klarzukommen, war in Merediths Ohren eines der traurigsten Geständnisse, die sie jemals gehört hatte.

»Das tut mir sehr Leid, Molly«, war alles, was sie sagen konnte.

»Wenn es Ihnen hilft, führe ich die Hunde für Sie spazieren.«

»Danke, gerne. Möchten Sie einen Drink?« Das Angebot bezog sich eindeutig auf Alkohol, doch Meredith sagte:

»Ich könnte uns einen Tee kochen, wenn Sie möchten.«

»Wie Sie meinen.« Ein wenig später kehrte Meredith mit einer Kanne Tee zurück. Aufmunternd sagte sie:

»Ich bin sicher, dass die Polizei Martin irgendwann findet. Wenn nicht die englische, dann die französische. Sie wurde informiert.« Molly schüttelte halsstarrig den Kopf.

»Ein gejagter Fuchs verkriecht sich unter der Erde.« Sie hob die geröteten, doch immer noch scharfen Augen und sah Meredith ins Gesicht.

»Und genau das hat er auch getan. Er läuft nicht davon. Er ist irgendwo untergetaucht und wartet ab, bis der Aufruhr sich gelegt hat und die Suche nach ihm eingeschlafen ist. Bis die Hunde wieder an die Leine genommen werden. Ich habe darüber nachgedacht, und so würde ich es an seiner Stelle machen.«

»Sie könnten Recht haben«, antwortete Meredith vorsichtig.

»Aber wo soll er untertauchen? Er ist ein Fremder, ein Ausländer. Er hat keine Freunde hier.«

»Er kann sich überall verkriechen! In den Wäldern, in einem leer stehenden Haus. In dieser Gegend gibt es reichlich verlassene Farmen, alte Scheunen, baufällige Landarbeiterhäuser! Ich habe es Selway gesagt, und er meint, er würde es überprüfen. Aber er kann sie nicht alle überprüfen! Er weiß überhaupt nicht, wo sie alle stehen oder wie viele es gibt! Niemand weiß das!« Molly trank von ihrem Tee.

»Aber falls er sich noch in der Nähe herumtreibt, dann werde ich ihn finden!«

»Machen Sie keine Dummheiten, Molly!« Molly funkelte Meredith über den Rand ihrer Tasse hinweg an.

»Warum nicht? Was bleibt mir denn noch außer meiner Rache? Mein Ehemann ist vor Jahren davongelaufen. Ich habe Nevil ganz alleine großgezogen. Wir sind immer irgendwie zurechtgekommen. Wir waren Freunde, nicht nur Mutter und Sohn, bis diese Frau …« Sie stotterte in ihren Tee und verstummte. Sie meinte natürlich Rachel. Doch in Wirklichkeit war Rachel nur der Katalysator gewesen, der Nevils unterdrückte Gefühle zum Ausbruch gebracht und zu einem unbedeutenden Akt von Boshaftigkeit geführt hatte. Doch Molly brauchte jemanden, dem sie die Schuld geben konnte. Jemanden, der nicht sie selbst war.

Früh am folgenden Morgen bog ein alter klappriger Lieferwagen in die Auffahrt von Malefis Abbey. Am Steuer saß der Schriftführer des einheimischen Vereins der Vogelfreunde.

»Wo sind sie denn, die kleinen Racker?«, erkundigte sich der wackere Mann, während er einen Stapel Schuhkartons mit Luftlöchern in den Deckeln aus dem rostübersäten Vehikel lud.

»Ray!«, rief Meredith.

»Das kannst du nicht machen! Das sind Alex’ Kanarienvögel!«

»Und ob ich das kann! Wer soll sich um die Tiere kümmern? Ich werde es bestimmt nicht tun! Sie bekommen alle ein gutes neues Zuhause. Sie werden schließlich nicht eingefangen und abgeschlachtet! Bitte hier entlang, Mr. Eagleton.«

»Das ist doch nicht sein richtiger Name, oder?«, zischte Meredith, während sie Rachel in die Orangerie folgte.

»Ich werde oft wegen meines Namens auf den Arm genommen«, sagte Mr. Eagleton, der ein außerordentlich gutes Gehör besaß.

»Ich bin daran gewöhnt. Ah, da seid ihr ja, meine kleinen Hübschen! Eine wundervolle Sammlung, die Ihr verstorbener Gemahl da hatte, Mrs. Constantine.« Er verstand sein Fach, und innerhalb einer halben Stunde saßen sämtliche Vögel in ihren Schachteln. Kaum waren die Vögel fort, wurden eine Leere und eine Verlorenheit spürbar, die nicht einmal Rachel ignorieren konnte.

»Wir werden uns bald daran gewöhnen«, sagte sie entschlossen.

»Sie mussten weg, Meredith, früher oder später.« Meredith kehrte die leere Voliere aus, eine Arbeit, zu der sich Rachel nicht in der Lage fühlte. Meredith stieß den Besen mit aller Kraft in die Ecken, um die aufgestaute Wut loszuwerden, und nieste wiederholt, wenn winzige Federn aufgewirbelt wurden und ihr in der Nase kitzelten. In der zweiten Nacht nach Nevils Ermordung fiel es Meredith wesentlich schwerer, Schlaf zu finden, als in der ersten. Vielleicht lag es daran, dass die Kanarienvögel verschwunden waren. Verschwunden, jedoch nicht ohne Spuren zu hinterlassen. Auf ihren Händen hatte sich ein ärgerlicher Ausschlag gebildet, von dem Meredith ganz sicher war, dass sie ihn sich beim Reinigen der Voliere eingefangen hatte. Sie rieb sich die Hände mit Germolene ein und ging mit dem Geruch der Salbe in der Nase zu Bett und in dem Bewusstsein, dass sie während der Nacht überall auf der Bettdecke und dem Betttuch hellrosa Salbenflecken hinterlassen würde. Kanarienvögel, antiseptische Salbe, juckende Hände und allgemeines Unwohlsein im Verein hatten zur Folge, dass sie keinen Schlaf fand und in ihrem Kopf wirre Gedanken kreisten. Gegen vier Uhr morgens stand sie auf und ging hinunter in die Küche, um sich einen Tee zu machen. Sie wollte Rachel oder Mrs. Pascoe nicht stören und bewegte sich leise, und anstatt das große Licht einzuschalten, begnügte sie sich mit den winzigen Lämpchen, welche die Knopfleiste des Kochherds beleuchteten. In diesem Halbdunkel, das von der Helligkeit her Kerzenlicht gleichkam, setzte sie sich an den Küchentisch, trank ihren Tee und starrte zum Fenster hinaus. Zwischen den Vorhängen aus Gingham-Stoff zeigte sich ein erster, sehr schwacher Schein am Horizont und kündete von der Dämmerung des neuen, heraufziehenden Tages. Während Meredith hinaussah, wurden die Umrisse der Bäume sichtbar und zur Linken der rechteckige Umriss der Doppelgarage mit der Wohnung darüber. Und dann bemerkte Meredith das Licht. Es war sehr schwach, ein sich bewegender Stecknadelkopf in der Dunkelheit, und es kam aus dem Stockwerk über der Garage. Jemand war in der Wohnung! Meredith stellte ihren Becher ab und schaltete die schwache Herdbeleuchtung aus. Aus der Dunkelheit der Küche nahm die Welt vor dem Fenster Gestalt an, als das Licht der Dämmerung stärker wurde. Es dauerte einen Augenblick oder zwei, bevor Meredith den Lichtschein wieder sah, doch jetzt bestand kein Zweifel mehr. Sie ging zum Telefon in der Eingangshalle und wählte die Nummer von Markbys Mobiltelefon in der Hoffnung, dass er es bei sich und eingeschaltet hatte. Es dauerte einige Sekunden, dann meldete sich eine verschlafene Stimme. In knappen Worten berichtete sie ihm, was sie beobachtet hatte.

»Du marschierst besser den Korridor hinunter und weckst Hawkins«, schloss sie.

»In Ordnung. Bleib, wo du bist, hörst du? Geh bloß nicht rüber, ja? Wir kommen so schnell wie möglich.« Meredith ging nach oben auf ihr Zimmer und schlüpfte hastig in eine Jeans und einen Pullover. Bis sie wieder unten in der Halle war, hatte die Morgendämmerung richtig eingesetzt und warf ihr graues Licht über den dunstverhangenen Park. Von dem sich bewegenden Lichtschein in Martins Wohnung war nichts mehr zu sehen. Meredith beobachtete weiter die Garage, doch sie entdeckte nicht das geringste Lebenszeichen. Er ist wieder weg!, dachte sie verzweifelt. Wir haben ihn entwischen lassen! Doch war es wirklich Martin gewesen? Falls ja – warum war er zurückgekehrt? Alan würde jeden Augenblick zusammen mit Hawkins hier sein, und dann stand sie mit leeren Händen da. Alan würde ihr glauben, doch Hawkins würde wahrscheinlich sagen, dass sie sich das Licht nur eingebildet hätte, und seine schlechte Stimmung würde sich noch weiter verschlechtern, weil er um vier Uhr morgens aus dem Bett geholt worden war, um Gespenstern hinterherzujagen! Meredith war mit dem Schlüssel der Gärtnerwohnung in der Hand durch die Hintertür hinaus und halbwegs über den feuchten Rasen, als ihr bewusst wurde, was sie tat. In ihrem Hinterkopf protestierte eine Stimme, dass sie gegen Alans ausdrückliche Instruktionen verstieß, doch sie ignorierte sie. Es spielt keine Rolle mehr, dachte sie, denn wer auch immer in der Wohnung gewesen ist, hat sich längst wieder abgesetzt. Ein Rabe krächzte ungehalten über die frühmorgendliche Störung, als sie die Holztreppe hinaufstieg und den Schlüssel ins Schloss schob. Er ließ sich nicht drehen. Meredith runzelte verwirrt die Stirn und stellte dann zu ihrem Schrecken und ihrer Überraschung fest, dass die Tür bereits offen war. Sie drückte sie vorsichtig auf, und im perlgrauen Licht des frühen Morgens sah sie in das Wohnzimmer. Martin stand auf der anderen Seite des Raums, mit dem Gesicht zu ihr. Er hatte die Hände erhoben und hielt in einer davon ein Bündel Papiergeld. Sein Gesicht war maskenhaft starr, und als er Meredith erblickte, flackerte in seinen Augen zuerst Panik auf, gefolgt von Flehen. Sein Blick wanderte von ihr zu einer anderen Stelle im Raum, und er nickte unmerklich. Meredith schob sich ins Zimmer. Hinter der Tür stand Molly James mit dem Rücken an die Wand gelehnt und zielte mit einer Schrotflinte auf Martin.

»Molly …?«, flüsterte Meredith.

»Ich hab’s Ihnen doch gleich gesagt«, erwiderte Molly James, ohne den reglos dastehenden Martin nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen oder die doppelläufige Flinte zu senken.

»Der Mistkerl hat sich verkrochen. Aber ich dachte mir, dass er wahrscheinlich hierher zurückkehren würde, also hab ich die Wohnung im Auge behalten. Er ist zu schnell verschwunden, ohne Gelegenheit, irgendetwas mitzunehmen. Und außerdem ist das wie bei den Hunden, wissen Sie? Sie kehren immer wieder an die Stelle zurück, wo sie hingekotzt haben. Der Bastard hat meinen Sohn hier drin ermordet. Ich wusste, dass er zurückkehren würde.« Martin befeuchtete die Lippen mit der Zungenspitze und wandte sich Hilfe suchend an Meredith:

»Mademoiselle? Die alte Frau ist verrückt! Holen Sie Hilfe!«

»Hilfe für dich?«, höhnte Molly.

»Sie wäre bestimmt nicht rechtzeitig zur Stelle! Ich werde dich in Fetzen schießen, und niemand kann mich daran hindern.«

»Nein!« Martin hob abwehrend die Hände und wollte vortreten, doch dann überlegte er es sich anders.

»Bitte, ich … ich wollte ihn nicht töten. Er war mein Freund!« Sein Gesicht verzerrte sich zu einer tragischen Grimasse, und seine Augen füllten sich mit Tränen.

»Er war mein Freund …«, wiederholte er heiser.

»Freund?« Mollys Stimme klang wie ein Peitschenknall.

»Mein Junge dein Freund? Du hast ihm mit Absicht das Leben genommen! Und du glaubst allen Ernstes, deine Tränen würden uns dazu bringen zu glauben, dass es dir Leid tut?« Martin ignorierte sie und wandte sich erneut flehend an Meredith.

»Sie glauben mir, nicht wahr, Mademoiselle?«

»Ja, Martin«, antwortete Meredith.

»Ich glaube Ihnen, dass er Ihr Freund war und Sie seiner. Aber es hätte nicht auf diese Weise enden dürfen.« Martins Stimme wurde ernst.

»Aber ich konnte ihm nicht mehr vertrauen, verstehen Sie! Er war so … so nervös! Er war krank, in seinem Kopf! Und er hat sehr gemeine Dinge zu mir gesagt und mich ganz wütend gemacht! Er hat gesagt … er hat gesagt, ich sei gar kein richtiger Gärtner! Aber ich bin ein sehr guter Gärtner!« Martins Augen blitzten.

»Er hatte kein Recht, so etwas zu sagen! Haben Sie den Park gesehen? Ist er etwa nicht wunderbar gepflegt? Sie hätten ihn sehen sollen, als ich hier ankam! Ein Desaster! All die Arbeit hier, all das habe ich getan!«

»Ja, der Park ist wunderbar.« Martin nahm ihr Lob dankbar an. Er nickte schwach und hätte fast gelächelt. Meredith schob sich näher zu Molly. Molly James war nicht so leicht abzulenken.

»Bleiben Sie weg! Wenn Sie mir zu nahe kommen, kriegen Sie auch noch was ab! Schrotflinten streuen verdammt stark, und auf diese Entfernung schieße ich ihn in Stücke und alles in seiner Nähe mit ihm!« Die Warnung reichte aus, um Meredith mitten in der Bewegung erstarren zu lassen. Sie hatte Molly anrempeln wollen, doch jetzt besann sie sich eines Besseren. Sie warf Martin einen hilflosen Blick zu. Und das, obwohl er ein Mörder ist!, sagte sie sich. Es fiel ihr schwer, das alles zu akzeptieren, selbst wenn er keine zwei Minuten zuvor den Mord an Nevil gebeichtet hatte! Molly dachte offensichtlich genau das Gleiche, denn sie fuhr fort:

»Und warum zur Hölle sind Sie so nett zu diesem Bastard? Der Kerl ist ein Mörder! Eine Bestie!« Martins Augen verengten sich zu Schlitzen, und zum ersten Mal bemerkte Meredith etwas von der Skrupellosigkeit und Brutalität, die im Wesen dieses jungen Mannes verborgen lagen.

»Ich? Ich soll unfair gegenüber Ihrem Sohn gewesen sein? Und Sie? Wie haben Sie ihn behandelt? Er war ein Diener, ein billiger Arbeiter für Ihre stinkenden Zwinger! Er hat Sie gehasst! Er hat Sie ein Monster genannt! Mich hat er nicht gehasst! Nein, es war Ihr Bild, das er zerschnitten hat, er wollte sich an Ihnen rächen, weil Sie ihn wie einen Gefangenen gehalten haben!«

»Und?«, entgegnete Molly rau.

»Jetzt bist du mein Gefangener.« Meredith wusste, dass sie die beiden irgendwie dazu bringen musste, ihre Aufmerksamkeit wieder auf sie zu richten, damit sie die Kontrolle in diesem tödlichen Konflikt übernehmen, Zeit gewinnen konnte, bis Alan und Hawkins eintrafen. Das schien ihr die einzige Chance, Molly am Betätigen des Abzugs zu hindern. Wenn sich die beiden weiterhin gegenseitig Beleidigungen und Anschuldigungen an den Kopf warfen, konnte die Sache nur sehr plötzlich und sehr tragisch enden.

»Warum sind Sie überhaupt hierher zurückgekommen, Martin?« Meredith schrie fast. Martin gestikulierte müde mit der Hand, die das Bündel Papiernoten hielt. Das Geld, das er dafür bekommen hatte, ein Leben zu nehmen, reichte nicht aus, um ein Leben zu erkaufen – sein Leben. Molly antwortete für ihn.

»Er hatte ein Versteck unter einer Holzdiele. Er hatte keine Zeit, das Geld mitzunehmen, also ist er zurückgekommen, genau wie ich es mir dachte! Er war gerade dabei, es aus dem Loch im Boden zu holen, als ich hereinspaziert und über ihn gestolpert bin, stimmt’s nicht, Bürschchen?«

»Sie ist verrückt …«, wiederholte Martin, und diesmal lag echte Verzweiflung in seiner Stimme. Er schien den Tränen nahe.

»Molly«, drängte Meredith.

»Bedenken Sie genau, was Sie tun, bevor Sie abdrücken!«

»Denken?« Mollys Stimme klirrte.

»Was glauben Sie, was ich die ganze Zeit gemacht hab, seit mein Sohn gestorben ist? Was glauben Sie?«

»Ja. Gedacht … nachgedacht, immer nur über Nevils Tod, Molly. Sie haben sich in diesen Wunsch nach persönlicher Rache hineingesteigert! Aber Sie werden ebenfalls dafür bezahlen, wenn Sie ihn erschießen. Sie kommen ins Gefängnis …« Molly lachte gackernd auf.

»Ich komme ins Gefängnis? Denken Sie, das schert mich einen Dreck? Glauben Sie, ich mache mir Sorgen über das, was hinterher aus mir wird? Mein Leben ist zu Ende! Ich habe keine Zukunft mehr! Nichts mehr, um das ich mich sorgen müsste, niemanden, für den ich sorgen kann …« Sie brach ab. Der Lauf der Schrotflinte hob sich.

»Genauso wenig wie du, Freundchen, eine Zukunft hast. Und dafür sorge ich persönlich!«

»Halten Sie sie auf!«, kreischte Martin.

»Mademoiselle, bitte! Halten Sie sie auf, und ich sage Ihnen alles! Ich erzähle Ihnen, wo er sich versteckt!« Draußen auf der Holztreppe erklang das Trampeln eiliger Schritte. Molly, endlich für einen Augenblick abgelenkt, wandte den Kopf. Der Lauf der Flinte ruckte. Meredith sprang vor und schlug ihn nach oben. Es gab einen ohrenbetäubenden Knall, und in der Decke erschien ein Loch. Martin hatte sich der Länge nach zu Boden geworfen und die Banknoten losgelassen, um sich die Hände schützend über den Kopf zu schlagen. Die Banknoten landeten verstreut auf dem Teppich. Meredith packte Mollys Handgelenke und rang mit ihr, als Hawkins und Markby hereingestürmt kamen. Markby sprang herbei und riss Molly die Flinte aus den Händen.

»In Ordnung, Molly«, sagte er beruhigend und fügte zu Meredith gewandt hinzu:

»Bist du OK?«

»Mir fehlt nichts«, schnaufte Meredith und zeigte mit bebendem Finger auf den finster, doch erleichtert wirkenden Martin, den Hawkins in festem Griff hielt.

»Frag ihn«, ächzte sie.

»Er soll die letzten Worte wiederholen, die er mir gesagt hat!«

Ein wenig später an jenem Morgen rumpelten zwei Fahrzeuge über eine schmale, von Bäumen gesäumte Straße. Das erste der beiden Fahrzeuge hielt an, und der folgende Minibus kam dahinter zum Stehen. Zwei uniformierte Beamte und zwei bewaffnete Scharfschützen sprangen aus diesem Wagen und gesellten sich zu Hawkins, Selway und Weston, die zusammen mit ihrem uniformierten Fahrer aus dem zivilen Polizeiwagen ausgestiegen waren. Unter einer Baumgruppe hielt man eine kurze Lagebesprechung.

»Wir wissen nicht, ob er bewaffnet ist, Sir«, sagte Selway protestierend zu Hawkins, wobei er einen missbilligenden Blick auf die Männer vom Sonderkommando warf.

»Das ist nicht die Art und Weise, wie wir hier bei uns die Dinge regeln!«

»Das ist die Art und Weise, wie ich sie regle«, wurde ihm von Hawkins beschieden.

»Wir mussten bereits das alte Mädchen entwaffnen. Mir will scheinen, hier auf dem Land liegen bei weitem zu viele Flinten herum!« Er nickte in Richtung der Straße.

»Er hat sich dort verkrochen, und er hat eine Menge zu verlieren. Ich gehe keinerlei unnötiges Risiko ein!«

Dann instruierte er die Scharfschützen.

»Sehen Sie zu, dass Sie da runterkommen und decken Sie den Vordereingang und den rückwärtigen Ausgang!« Die Männer vom Sondereinsatzkommando verschmolzen mit den Bäumen in ihrer Umgebung, während Hawkins sich an Weston wandte:

»Na gut, mein Junge! Dann staffieren Sie sich mal für den Einsatz aus!«

Einige Minuten später beobachtete Selway misstrauisch, wie sich Weston und Hawkins, beide in kugelsicheren Westen, über die Straße in Bewegung setzten. Hawkins hielt ein Megafon in der Hand. Die steifen Schutzwesten machten die Bewegungen der beiden Männer schwerfällig, und sie kamen nur langsam voran. Weston sah aus, als fühlte er sich ganz besonders unbehaglich, und er hatte die Arme abgespreizt wie ein Revolverheld aus den Tagen des Wilden Westens.

Selway schnaubte und murmelte:

»Butch Cassidy und Sundance Kid!« Der uniformierte Fahrer neben ihm hörte es und grinste.

Die Straße führte steil bergab bis in ein natürliches Becken, das von drei Baumgruppen mit dichtem Unterholz gesäumt wurde. Eine wacklige Holzbrücke führte über einen kleinen Bach. Auf der anderen Seite stand ein baufälliges Cottage. Ursprünglich ein Doppelhaus, doch die rechte Hälfte war längst in sich zusammengefallen, nur noch eine Ruine. Die erhaltene Hälfte sah aus, als würde sie der rechten jeden Augenblick folgen. Sie war jedoch mitnichten verlassen. Rauch kringelte sich aus dem Schornstein.

»Macht sich wohl gerade das Frühstück«, sagte Hawkins und grinste unangenehm.

»Scheint noch nicht gemerkt zu haben, dass er Besuch kriegt.«

Hinter ein paar Büschen blieben sie stehen und suchten Deckung. Der Superintendent hob das Megafon an die Lippen und bellte:

»Hier ist die Polizei! Das Gebäude ist umstellt! Kommen Sie mit erhobenen Händen heraus!« Die Stimme hallte dünn durch den Talkessel.

Vögel flatterten erschrocken auf. Dann, als Hawkins’ Stimme verhallt war, kehrte Stille ein. Hinter einer schmutzigen Scheibe war eine Bewegung zu erkennen.

»Sie gehen besser runter, Sir!«, drängte Weston.

Doch in diesem Augenblick öffnete sich die Tür des Cottages, und darin erschien ein Mann. Er blieb stehen, die Hände erhoben, die Handflächen nach außen gestreckt, und blinzelte in das bleiche Licht der Morgensonne. Er trug legere, teure Freizeitkleidung, Kordhosen und einen handgestrickten Shetlandpullover. Sein eisgraues Haar war zurückgekämmt, und in den Augen unter den schweren Lidern stand ein Ausdruck von Verwirrung und Misstrauen.

»Treten Sie nach vorn, weg von der Tür!«

Der Mann in der Tür ging ein paar zögernde Schritte nach vorn, dann blieb er erneut stehen, blinzelte in die tief stehende Sonne und versuchte, den Ort auszumachen, von dem die befehlende Stimme kam. Es raschelte an mehreren Stellen, und die bewaffneten Beamten sprangen aus dem Gebüsch. Die Verwirrung im Gesicht des Mannes wich tiefem Erschrecken.

»Ich bin unbewaffnet! Ich bin unbewaffnet! Sagen Sie es ihnen! Bitte nicht schießen! Bitte sagen Sie es ihnen!«

»Hab ich dich, Bursche«, murmelte Hawkins.

»Kommen Sie her, Freundchen!« Er trat aus seiner Deckung, Weston hinter ihm. Im gleichen Augenblick tauchte Selway auf. Er kam über die Holzbrücke gerannt, gefolgt von einem uniformierten Beamten. Die kleine Brücke vibrierte unter ihren schweren Schritten, und die Planken knarrten.

Der Mann vor dem Haus beobachtete, wie sich von allen Seiten Beamte näherten und musterte sie der Reihe nach mit ängstlichen Blicken.

»Alexis George Constantine?«, fragte Hawkins mit steifer Förmlichkeit. Im Gesicht des Mannes zuckte es, dann breitete sich gemessene Würde darauf aus.

»Warum mussten Sie bewaffnete Leute mitbringen? Ich bin unbewaffnet. Ich bin kein Mörder.« Hawkins bedachte ihn mit seinem schauerlichen Grinsen.

»Verdammt gut an der Nase herumgeführt haben Sie uns alle, Mr. Constantine. Doch jetzt ist das Spiel aus. Ich verhafte Sie wegen Verdachts der Anstiftung zum Mord.« Er beugte sich vor und fügte hinzu:

»Wir lassen die Gerichte entscheiden, was genau Sie getan haben, eh?«

KAPITEL 23

Alan Markby öffnete die Tür zur Orangerie. Das vertraute Flattern winziger Flügel war verschwunden, doch der durchdringende Geruch nach Orangenblüten war noch immer da. Er war überwältigend und stark wie ein Narkotikum. Rachel saß in einem der kostspieligen Bambussessel, die Hände auf den Lehnen. Sie hatte das honigfarbene Haar zurückgebürstet und im Nacken zu einem Knoten gesteckt. Sie trug eine dunkelgrüne Seidenbluse und einen Faltenrock, keinerlei Schmuck und nur sehr wenig Make-up. Ihre makellose Haut und ihre feinen Züge hatten in seinen Augen auch keines nötig. Wenn überhaupt, dann wurde diese durch das Fehlen jeglicher Schminke nur noch betont. Wahrscheinlich war sie ihm niemals so schön wie in diesem Augenblick vorgekommen. Sie sah zu ihm auf, und er stellte fest, dass sie dunkle Ringe unter den Augen hatte.

»Habt ihr ihn gefunden?«, fragte sie frei heraus.

»Meinst du Martin – oder deinen Ehemann?« Sie verzog schmerzvoll das Gesicht. Er bereute auf der Stelle, dass er seinem kindischen Impuls nachgegeben und sie verspottet hatte, und fuhr fort:

»Alex wurde festgenommen, Rachel.« Sie stieß einen langen Seufzer aus und schien sich zu entspannen. Sie sank tiefer in die Polster.

»Also ist es vorbei.«

»Ja, es ist vorbei.« Markby setzte sich in den ihrem gegenüberstehenden Sessel. Der Bambus knarrte protestierend unter seinem Gewicht.

»Wir hätten eigentlich sofort darauf kommen müssen, Hawkins und ich! Der Obduktionsbericht zeigte keinerlei Spuren des Herzanfalls, den Alex angeblich letztes Jahr erlitten hat. Wir nahmen an, dass sowohl Dr. Staunton als auch der Londoner Herzspezialist eine falsche Diagnose gestellt hatten. Aber selbstverständlich sind zwei voneinander unabhängige medizinische Beurteilungen, die zum gleichen Schluss gelangen, eher richtig als falsch. Wir haben das Problem von Anfang an von der falschen Seite angepackt. Die Diagnose der Ärzte war richtig gewesen – doch die Obduktion wurde an der falschen Leiche durchgeführt. Jetzt klingt alles ganz einfach, doch es war zu leicht, den falschen Weg einzuschlagen. Schließlich hatte seine eigene Frau den Toten identifiziert, nicht wahr?« Markby stieß ein entrüstetes Schnauben aus.

»Ganz zu schweigen von Meredith und mir selbst, die von ihm als Alex sprachen, weil wir glaubten, es sei Alex gewesen!«

»Wir hatten die Sache mit dem Herzanfall völlig übersehen«, sagte Rachel nachdenklich.

»Das hätte uns nicht passieren dürfen! Aber es hätte keine Rolle gespielt, wenn alles andere nach Plan gelaufen wäre, weil du nicht daran gezweifelt hast, dass es Alex war, stimmt’s?« Ihre Stimme wurde hart.

»Es war dieses verdammte Mädchen von Molly! Was musste sie sich einmischen! Wäre sie nicht gewesen, hättest du Alex nie gefunden!«

»Sie war nicht an Alex interessiert, nur an Nevil. Du hättest diesen Jungen in Ruhe lassen sollen, Rachel. Aber du musstest mit dem Feuer spielen.«

»Ich? Mit dem Feuer? Ich mit Nevil spielen? Er war das grünste Bürschchen …« Rachels Protest erstarb.

»Ach, was spielt das jetzt noch für eine Rolle!«

»Um Himmels willen!«, platzte er heraus.

»Warum sollte es plötzlich aufhören, eine Rolle zu spielen! Warum um alles auf der Welt habt ihr das getan, Rachel? War es Constantines Idee?« Es war die Frage, die Menschen anderen Menschen bei zahllosen Gelegenheit stellen, wenn diese etwas getan hatten, das bis dahin für undenkbar gehalten worden war. Markby wollte hören, wie sie sagte, dass alles ganz allein Alex’ Plan gewesen sei, von Anfang bis Ende, selbst wenn das nicht ihrer Rolle in diesem Fall entsprach. Doch stattdessen sagte sie:

»Nein, wir haben uns alles gemeinsam überlegt. Tatsächlich war es mehr meine Idee als seine. Und warum?« Sie warf ihm einen ratlosen Blick zu.

»Ist das nicht offensichtlich? Aber nein, das kannst du schließlich nicht wissen. Wir standen im Begriff, alles zu verlieren, Alan. Alles! Alles, was Alex sich in vielen Jahren harter Arbeit aufgebaut hatte, das Geschäft, das Haus, jeden Penny, auch den letzten!« Sie deutete mit einer Handbewegung auf ihre Umgebung.

»Oh, das Haus war nicht so wichtig, aber das Geschäft, das war etwas ganz anderes! Alex ist einundfünfzig, Alan. Letztes Jahr hatte er einen leichten Herzanfall. Er ist zu alt, um noch einmal ganz von vorn anzufangen, mit nichts, und so hart zu arbeiten. Offen gestanden, mir geht es nicht anders! Sicher, ich bin viel jünger als er, aber ich bin auch kein junges Mädchen mehr. Ich habe während der Zeit mit dir für den Rest meines Lebens genug gespart und geknausert, Alan. Es hat mir damals nicht gefallen, und ich habe nicht vor, in meinem Alter noch einmal damit anzufangen!«

»Rachel, sag mir um Himmels willen, wen wir auf dem Friedhof von Lynstone beerdigt haben!« Sie biss sich auf die Unterlippe, doch in ihren grünen Augen stand Trotz.

»Vermutlich musst du es tatsächlich wissen. Es war Raoul Wahid. Ein Verwandter von Alex. Er hat uns erpresst.« Markby schloss für einen Moment die Augen.

»Er hat versucht, mir seinen Namen zu nennen, als er starb. Ich war so sicher, dass es Alex war, dass ich glaubte, er meinte seinen gegenwärtigen Namen Constantine, den ich überprüfen sollte. Als ich herausfand, dass Alex früher George Wahid gewesen ist, schien das meine Vermutung zu bestätigen. Doch was dieser arme Teufel in Wirklichkeit sagen wollte war, dass er überhaupt nicht Alex ist! Ich hatte – gütiger Gott, wir hatten sämtliche Beweise vor der Nase und haben sie einfach nur falsch herum gehalten!« Markby verstummte, dann fragte er müde:

»Erzähl mir die Geschichte. Erzähl mir alles! Ich werde es ohne Zweifel vor Gericht noch einmal hören, aber ich will es von dir erfahren. Hier und jetzt.«

»Hör auf, mich zu kritisieren!«, entgegnete sie wütend.

»Fang bloß nicht an, in diesem Ton mit mir zu reden! Du bist nicht besser als ich! Du kannst uns keinen Vorwurf machen! Alex hat sein ganzes Leben in Gefahr geschwebt. Er wollte nur Frieden, das ist alles!«

»Er hat sich die ganzen Jahre in Lynstone versteckt, sehe ich das richtig? Jemand war hinter ihm her? Er hatte eine Leiche in irgendeinem Keller, und dieser Raoul hat gedroht, die Sache ans Licht zu bringen?«

»Es gefiel ihm hier! Doch ja, auf gewisse Weise hat er sich vor der Vergangenheit versteckt. Nenn es eine Leiche im Keller, wenn du willst, aber du musst die Umstände verstehen! Alex ist kein Ganove! Er wollte einfach nur am Leben bleiben! Er wollte ein sicheres, anständiges und komfortables Leben führen. Jeder hat das Recht, sich so etwas zu wünschen und es zu verwirklichen, wenn er eine Möglichkeit sieht!« Sie brach ab und verschränkte die Arme vor der Brust, während sie sich die Unterarme rieb, als fröstelte sie.

»Alex war stolz darauf, Libanese zu sein! Er hat mir den Libanon immer als wundervolles Land beschrieben, ein reiches und entwickeltes Land, bevor der Krieg ausbrach. Vielleicht wird er das eines Tages wieder sein. Die Libanesen waren die Finanziers des gesamten Nahen Ostens, die Bankiers, doch das Chaos und Blutvergießen hat alledem ein Ende gemacht. Der Libanon ist kein Ort für jemanden, der auf dem Zaun sitzen und nicht Partei ergreifen will. Man wird in einen Clan hineingeboren, in eine der vielen Splittergruppen dieses Konflikts, verstehst du! Die Familie, die Großfamilie, bedeutet dort sehr viel mehr als hier bei uns. Sie ist der Quell gegenseitiger Unterstützung und Hilfe, doch manchmal verlangt sie von einem Einzelnen einfach zu viel. Mehr, als man von einem Menschen verlangen darf! Alex’ Familie war wohlhabend. Doch während der siebziger Jahre fingen sie an, sich Sorgen zu machen. Der Libanon war nicht länger das Land, wo die Menschen ihr Geld anlegten. Im Gegenteil, jeder versuchte, sein Geld außer Landes zu schaffen! Die Wahids beschlossen, ihre Reserven in Sicherheit zu bringen, ins Ausland, doch sie mussten äußerst diskret vorgehen, um nicht ihren geschäftlichen Ruf zu Hause zu beschädigen. Sie benötigten einen Kurier, jemanden, der unschuldig genug aussah und zwischen den Schweizer Banken und dem Libanon hin und her reisen konnte und dessen häufige Flüge bei niemandem Verdacht erweckten. Alex war jung und Student. Jeder weiß, dass Studenten aus Spaß an der Freud durch die ganze Welt reisen. Er war der ideale Kandidat. Er war von seiner Familie bevollmächtigt, die Banken in der Schweiz kannten ihn und waren bald daran gewöhnt, mit ihm zu verhandeln. Seine Unterschrift kontrollierte die Verschiebung eines Vermögens. Wenn du glaubst, dass die Familie leichtfertig zu viel Vertrauen in einen jungen Mann gesetzt hat, dann vergiss nicht, dass Alex klug, mehrsprachig und vor allen Dingen ehrlich war. Deswegen haben sie ihm vertraut. Außerdem war er Mitglied ihres Clans, und das war die stärkste Bindung von allen! Seine Interessen waren mit den ihren verknüpft. Die älteren Familienmitglieder trafen in Beirut die Entscheidungen und erteilten den jüngeren Männern die Befehle. Alex führte sie getreu der Familientradition aus, ohne jeden Skrupel. Er hat alles getan, was sie von ihm verlangt haben, und er hat nicht einen Penny für sich zur Seite geschafft!« Rachels Gesicht und Stimme wurden kalt.

»Doch dann, eines Tages, während einer Zeit besonders schlimmer Gewalttätigkeiten auf der Straße, wurden Alex’ Vater, Bruder und zwei Cousins von einer Autobombe zerfetzt.« In ihren grünen Augen stand Schmerz.

»Kannst du dir vorstellen, was das bei ihm bewirkt hat? Alex war am Ende. Damals hat er seine Einstellung vollkommen geändert, und du kannst ihm keinen Vorwurf daraus machen! Er sah ein, dass in Wirklichkeit jeder auf sich allein gestellt ist, wenn er überleben will. Alex wollte überleben, und er wollte ein Leben in Freiheit und ohne Bomben! Er wollte, kurz gesagt, aussteigen, und zwar ein für alle Mal.«

»Ich kann’s mir denken. Er hat sich von sämtlichen Verpflichtungen losgesagt und ist mit dem Geld verschwunden«, sagte Markby säuerlich.

»Aus deinem Mund klingt es wie eine belanglose Unterschlagung!«, funkelte sie ihn an.

»Alex war vollkommen verzweifelt! Er musste ganz vorsichtig sein, immer winzige Beträge von den Schweizer Konten auf sein eigenes transferieren, ohne Verdacht zu erregen. Es hätte jederzeit schief gehen können, und er wäre erledigt gewesen! Doch es ging nicht schief, und als der richtige Zeitpunkt gekommen war, floh er aus dem Libanon und setzte sich nach Zypern ab. Dort hat er ein kleines Geschäft gegründet. Selbstverständlich musste er seinen Namen ändern, damit ihn die Familie nicht verfolgen konnte.«

»Waren die Menschen, die er getäuscht hat, nicht sehr wütend auf ihn?«

»Wütend? Wo denkst du hin! Es war nicht nur das Geld, obwohl es vielleicht auch eine Rolle gespielt hat. Er hatte seine Schwestern ohne die erwartete Mitgift im Stich gelassen und dergleichen mehr. Die überlebenden Männer seiner Familie betrachteten ihn als entehrt. Er hatte sie betrogen und sich seiner heiligen Pflicht entzogen. Sie schworen Rache, was natürlich einem Todesurteil gleichkommt. Aber weißt du, fast jeder in diesem Teil der Welt stand damals auf irgendeiner Todesliste. Alex nahm es hin, als Preis für sein Entkommen.« Über ihr Gesicht huschte ein kurzes, freudloses Lächeln.

»Ein paar Jahre lief alles gut, doch die Situation im Libanon wurde immer schlimmer. Jetzt strömte nicht mehr nur das Geld aus dem Land, sondern die Menschen selbst, jeder, der irgendwie konnte, ging weg. Der erste Stopp für viele Flüchtlinge war Zypern. Alex sah, dass es riskant wurde, auf der Insel zu bleiben. Jeden Tag konnte jemand eintreffen, der ihn erkannte, und die Nachricht, wo er zu finden war, konnte in den Libanon gelangen. Also zog er nach England. Den Rest kennst du. Wir haben uns kennen gelernt und geheiratet. Wir waren – wir sind sehr glücklich miteinander! Das Geschäft lief gut. Alles war perfekt, einfach perfekt!« Ihre Augen glänzten.

»Dann, eines Tages, kam Alex aus einem Restaurant in Marseille, wo er geschäftlich unterwegs war, und rannte geradewegs in seinen Cousin Raoul. Eine Schande, dass ausgerechnet Alex’ Cousin nicht auch dieser Autobombe zum Opfer gefallen war, die all seine anderen Verwandten umgebracht hatte. Raoul war schon immer das schwarze Schaf der Familie gewesen. Sie erkannten sich auf der Stelle wieder. Selbstverständlich leugnete Alex, als Raoul ihn ansprach – aber Raoul lachte nur. Die Jahre hatten seinen Charakter nicht besser werden lassen. Er hatte nie Begabung für das Geschäft und hat sich treiben lassen. Er hat als Schauspieler gearbeitet. Nichts Besonderes, kleine Rollen und Werbespots, hauptsächlich in Frankreich und Italien. Er bekam aber immer weniger Angebote, je älter er wurde und je weiter sein Ruf als unzuverlässig die Runde gemacht hat. Raoul war schon als Jugendlicher zügellos gewesen, und jetzt war er nur noch ein billiger Gauner, eitel und habgierig. Er hat Alex’ teure Kleidung gesehen und das Restaurant, aus dem er gerade gekommen war, und hat sogleich erkannt, dass Alex wohlhabend war und dafür zahlen konnte, dass Raoul der Familie nicht sagte, wie sein neuer Name lautete oder dass er ihn gesehen hatte. Zuerst ist es Alex gelungen, ihn abzuschütteln. Alex ist wieder hierher, nach Hause geflohen, doch er war mit den Nerven am Ende. Er wusste, es war nur eine Frage der Zeit, bis Raoul auftauchen und sein ›geschäftliches Angebot‹ erneuern würde. Während Alex mir erzählte, was geschehen war, erlitt er seinen Herzanfall. Raouls böses Werk hatte also bereits angefangen. Alex war krank und verzweifelt. Ich habe ihn immer wieder angefleht, nicht die Hoffnung zu verlieren. Es musste einen Ausweg geben, und ganz gleich, wie drastisch er war, wir würden ihn finden. Warum sollten wir eine elende, gejagte Existenz fristen, ständig in der Furcht, dass Raoul uns wieder finden könnte? Alex hätte buchstäblich nicht mit dieser Belastung leben können, und ich kann nicht ohne Alex leben! Versteh doch …«, sie warf die Hände hoch,

»… wir lieben uns!«

»Sprich weiter«, sagte Markby ausdruckslos. Sie hatte sich in ihrem Sessel nach vorn gebeugt, als sie die letzten Worte gesprochen hatte, und nun richtete sie sich wieder auf und massierte sich den Nacken.

»Ich bin so verspannt. Der Stress der letzten Wochen war einfach entsetzlich. Wo war ich gleich? Wir wussten, dass Raoul die Familie informieren würde, falls Alex sich weigerte, seine Forderungen zu erfüllen, und sei es nur aus Gemeinheit. Es gab nur einen Weg, ihn zum Schweigen zu bringen. Er musste sterben. Aber wie sollten wir jemanden töten? Wir sind keine Mörder. Wir hätten überhaupt nicht gewusst, wie wir es anfangen sollen! Wir stellten fest, dass wir einen Profi brauchten. Also fragte Alex eine Bekannte, ob sie vielleicht …« Rachel schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund.

»Oh, verdammt!«, sagte sie lakonisch.

»Also schön«, hakte Markby nach.

»Du wolltest nicht verraten, dass es eine Frau ist, aber jetzt hast du es getan. Du hast nicht rein zufällig Miriam Troughton gemeint?«

»Also schön, ja, genau sie.« Rachel verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

»Diese Frau besitzt eine höchst ungewöhnliche Vergangenheit. Sie kennt alle möglichen eigenartigen Leute!«

»Meredith hielt es für möglich, dass sie noch aus der Zeit im Libanon mit Alex in Verbindung stand und ihn nun erpressen wollte. Es scheint, sie war auf der richtigen Fährte, wenn auch mit der falschen Person als Erpresser. Wir sind die ganze Zeit hinter den falschen Leuten hergejagt«, fügte Markby bitter hinzu.

»Miriam?« Rachel sah überrascht aus.

»O nein! Wie kommt Meredith nur auf diesen Gedanken? Miriam kommt nicht aus dem Libanon. Sie ist aus dem Irak – oder ist es der Iran? Die werfe ich immer durcheinander. Jedenfalls meinte Miriam, dass sie genau den richtigen Mann für uns kenne. Sie hat Martin aus Frankreich mit hierher gebracht. Er ist ein ungewöhnlicher junger Mann, der in verschiedenen Ländern rings um das Mittelmeer aufgewachsen ist. Sein Vater war Apotheker, zuerst in Algerien und Marokko und später in Frankreich, in der Provence. Er hat sich einverstanden erklärt, uns zu helfen – gegen Bezahlung, versteht sich! Miriam meinte, wir hätten ziemliches Glück, weil er längst nicht jeden Auftrag annimmt. Seine Aufträge müssten einen Reiz für ihn haben. Weißt du, worin der Reiz für ihn in unserem Fall bestand? Der Garten hier! Er konnte sich als Gärtner tarnen, und das gefiel ihm wirklich. Er hat früher ein College für Gartenbau besucht, aber er hat es nie abgeschlossen. Ich weiß, er erzählt gerne von seinem Diplom, doch in Wirklichkeit hat er nie eines bekommen. Miriam sagte, er wäre zuverlässig und es würde keine Erpressung mehr geben.«

»Und ihr habt ihr geglaubt? Ihr habt auf ihre Empfehlung hin einen professionellen Killer engagiert?« Zum ersten Mal schien es Rachel unbehaglich zu werden, wenn auch nur für kurze Zeit.

»Es sah alles nach einem ganz klaren, einfachen Geschäft aus. Wie jedes andere auch. Alex hat Miriam eine Provision gezahlt und alles!«

»Rachel!«, brüllte Markby, ohne es zu wollen.

»Ihr habt einen kaltblütigen Mord an einem Menschen geplant! Schön, er war vielleicht kein Engel, aber den Tod hat er deswegen noch lange nicht verdient! War der Handel, den er euch vorgeschlagen hat, wirklich so viel anders als das doppelte Spiel, das Alex vor vielen Jahren mit seiner Familie gespielt hat? Damit hat doch alles überhaupt erst angefangen! Du redest daher, als hättet ihr etwas sehr Cleveres ausgeheckt!« Rachels Augen blitzten.

»Wie kannst du es wagen, diesen kleine Ganoven mit Alex zu vergleichen? Raoul war ein Niemand, ein wertloser Dreck, eine Ratte!«

»Jeder ist etwas wert«, widersprach Markby in strengem Tonfall.

»Nun werd nicht sentimental, Alan«, sagte sie knapp. Sie warf das Haar in den Nacken zurück und fuhr halsstarrig fort:

»Außerdem, nachdem wir erst einmal damit angefangen hatten und Miriam zusammen mit Martin aus Frankreich gekommen war, konnten wir die Sache nicht einfach wieder abblasen. Wir hingen mit drin. Wir wussten nicht genau, wie Martin es anstellen wollte, Raoul zu töten, meine ich. Und wir wussten nicht, wo Raoul war, nur, dass er uns früher oder später finden und sich mit uns in Verbindung setzen würde. Martin meinte, er würde warten, bis Raoul auftauchen würde, und dann würde er entscheiden, wie er ihn am besten aus dem Weg räumen würde. Wie erwartet erhielten wir einen Anruf von Raoul. Er war in London und wollte sich mit uns treffen, um die ›geschäftlichen Arrangements‹, wie er es nannte, zu besprechen. Alex bat ihn, in sein Büro zu kommen, außerhalb der Geschäftszeiten, damit sie unter vier Augen reden konnten. Zuerst dachten wir, Martin könnte Raoul gleich dort erledigen. Doch in den Büros auf den unteren Etagen wird häufig bis spät in die Nacht gearbeitet, und in der Eingangshalle gibt es einen Sicherheitsmann. Er überprüft jeden Besucher und hätte bemerkt, wenn jemand nicht wieder gegangen wäre. Es wäre ganz sicher nicht einfach gewesen, eine Leiche nach draußen zu schaffen. Also wollte Alex sich zuerst einfach nur mit Raoul treffen und sich anhören, was er zu sagen hätte. Außerdem«, sie warf die Hände hoch,

»außerdem war Alex nicht so skrupellos, wie du vielleicht glaubst. Immerhin bestanden zwischen den beiden Blutsbande. Alex wollte Raoul eine letzte Chance geben, das Richtige zu tun, nämlich wegzugehen und zu versprechen, dass er uns in Ruhe lässt und niemandem etwas von uns erzählt! Auf gar keinen Fall wollte ich, dass Alex dieser Ratte allein gegenübertritt. Ich bestand darauf mitzukommen. Ich war also dabei, als Raoul zur Tür hereinspaziert kam.« In Rachels Stimme lag Verwunderung.

»Er war ungewaschen, schlecht gekleidet, die Haare zu lang, und er trug einen Schnurrbart, im Gegensatz zu Alex, doch ansonsten sah er ihm so ähnlich, die gleiche Größe, die gleiche Statur, die gleichen Gesichtszüge, das gleiche Alter – sie hätten Zwillingsbrüder sein können! Doch auch wenn er Alex so zum Verwechseln ähnlich sah, charakterlich war er ganz anders! Er wollte immer noch Geld von uns. Entweder wir erfüllten seine Forderungen, oder er würde der Familie erzählen, dass er Alex gefunden habe, und dafür sorgen, dass sie aus dem Libanon heraus die nötigen Schritte unternähmen.« Rachels Gesicht war blass vor Zorn.

»Ich sah die Verzweiflung im Gesicht meines armen Alex’, und genau in diesem Augenblick beschloss ich, nicht tatenlos zuzusehen, wie dieser Mistkerl unser Leben zerstört! Plötzlich wurde mir bewusst, dass Raoul mit Alex’ Haarschnitt und in einem von Alex’ Anzügen für jeden wie Alex aussehen würde! Und mir fiel ein, dass Alex einmal erzählt hatte, seine Familie würde die Jagd nach ihm nicht aufgeben, bevor sie nicht wusste, dass er tot sei. Plötzlich sah ich einen Weg, wie wir Raoul loswerden konnten und zugleich bis ans Ende unserer Tage in Sicherheit vor Alex’ Familie waren! Raoul musste sterben, das stand ganz außer Frage. Doch angenommen, wir konnten es so aussehen lassen, als sei Alex gestorben? Es würde einen echten Leichnam geben, Berichte in der Presse, ein Begräbnis. Wir mussten nichts weiter tun, als Alex gegen Raoul austauschen!« Rachel lächelte müde.

»Um den Plan in die Tat umzusetzen, musste Alex für eine Weile untertauchen. Ich würde das Geschäft übernehmen, und niemand wäre überrascht, wenn ich das Haus verkaufen und beschließen würde, den Geschäftssitz ins Ausland zu verlegen. Ich wäre gerne nach Australien gegangen. Später wäre Alex wieder zu mir gestoßen, mit einem neuen Namen und ein wenig plastischer Chirurgie, vielleicht einer neuen Nase und neuen Ohren – Ohren sind ja so verräterisch! –, und wir hätten wieder geheiratet. Wir wären wieder zusammen und bis in alle Ewigkeit sicher vor seiner Familie! Absolut sicher! Falls seine Familie jemals auf Alex’ Spur gekommen wäre, würde diese Spur vor einem Grabstein in Church Lynstone enden, und damit wäre es vorbei gewesen. Sie hätten akzeptieren müssen, dass der Tod ihrer Rache zuvorgekommen wäre. Oh, es war so einfach, Alan! Aber alle wirklich großartigen Ideen sind einfach, nicht wahr?«

»Einfach und absolut verschlagen, Rachel. Wer ist auf die Idee mit dem Gift gekommen?«

»Das war Martin – als wir wieder zurück in Lynstone waren und ihm von unserer Idee erzählt haben, dass Raoul anstelle von Alex sterben und die Leute glauben sollten, es sei Alex. Martin meinte, dass Alex’ Tod wegen der medizinischen Vorgeschichte aussehen sollte wie Herzversagen. Martins Vater hatte nebenbei Kräuterkuren hergestellt, und weil Martin sein Interesse an Kräutern von ihm geerbt hat, kennt er sich mit pflanzlichen Giften aus. Er musste nur auf dem Grundstück von Malefis Abbey herumstöbern und ist sehr zufrieden zurückgekommen. Er führte uns nach draußen und zeigte uns eine Blume, die im Naturgarten blühte. Hast du den gesehen? Er liegt neben einem kleinen Teich, ganz auf der anderen Seite, wo die Sonne am längsten scheint. Die Pflanze, die Martin gefunden hatte, besaß einen hohen Stiel mit tiefblauen Blüten.«

»Aconitum napellus«, sagte Markby grimmig.

»Auch bekannt als Blauer Eisenhut, Mönchshut oder Wolfsfluch. Der Eisenhut war eines der sieben Kräuter, die von den Druiden als heilig betrachtet wurden, und er ist die giftigste Pflanze, die auf den Britischen Inseln wächst. Glücklicherweise ist er sehr selten.«

»Ja, Martin hat auch gesagt, dass wir Glück hätten.« Rachel deutete auf die Orangerie.

»Ich habe dir doch erzählt, als wir hergekommen sind, war das hier voller scheußlicher Pflanzen, die wir hinauswerfen mussten. Doch draußen, auf Alex’ Lieblingsplatz, dort wächst eine Blume, die so giftig ist, dass ich darauf bestanden hätte, sie auszureißen und zu verbrennen, wenn ich davon auch nur geahnt hätte! Es war, als wollte uns das Schicksal persönlich einen Gefallen tun! Martin sagte, man könne ein sehr zuverlässiges Gift aus der Pflanze gewinnen, das in der Antike häufig benutzt worden sei. Es verursache Herzstillstand. Dadurch war es für unsere Zwecke ganz besonders geeignet.«

»Ich verstehe«, unterbrach Markby sie,

»aber wie habt ihr den unglückseligen Raoul dazu gebracht, bei dieser Scharade auf der Chelsea Flower Show mitzumachen und sich als Alex auszugeben? Er muss sich doch gefragt haben, warum das nötig war?«

»Um Himmels willen, Alan! Du mit all deinen Jahren bei der Polizei solltest wirklich wissen, dass Menschen jede Lüge zu glauben bereit sind, vorausgesetzt, es ist die richtige Lüge! Man muss sie nur so zurechtschneidern, dass die Menschen sie glauben wollen! Ich hab dir doch gesagt, Raoul war ein kleinkarierter Ganove, ehrgeizig, aber im Grunde genommen dumm! Menschen wie er verstehen nichts von echten Gefühlen. Sie glauben, jeder ist so verschlagen wie sie selbst. Alex erzählte ihm, dass er noch immer Geld auf einem Schweizer Konto liegen hätte. Er bot Raoul eine Summe, die ihm die gierigen Augen beinahe aus dem Kopf fallen ließen! Alex erzählte ihm, dass das Finanzamt nichts von diesem Konto wisse, daher müsse er persönlich nach Genf reisen, und niemand dürfe merken, dass er außer Landes sei. Er sagte Raoul, dass es etwas mit Steuerflucht zu tun habe. Raoul war nur zu gerne bereit, ihm die Geschichte zu glauben.« Sie nickte zur Bekräftigung.

»Ich schlug vor, dass er auf der Chelsea Flower Show für Alex als Doppelgänger einspringen sollte. Ich erklärte ihm, wie unglaublich die Ähnlichkeit zwischen ihm und seinem Cousin sei. Ich musste nur ein wenig mit den Wimpern klimpern. Er war schrecklich eitel.« Markby zuckte innerlich zusammen. Es gelang ihm nicht, den Zorn aus seiner Stimme zu halten, als er fragte:

»Und du hast nicht ein einziges Mal gezögert?« Ihr Gesicht wurde hart. Sie wirkte älter, entschlossener, und Markby wurde bewusst, dass damit seine Frage beantwortet war.

»Warum? Chelsea war eine perfekte Gelegenheit. Alex und ich gingen nicht viel aus, aber Chelsea haben wir nie versäumt. Wir haben jedes Jahr die gleichen Leute getroffen. Die Wahrscheinlichkeit war deshalb groß, dass wir zusammen fotografiert werden würden. Von der Gesellschaftspresse, meine ich, nicht von dir, Alan! Raoul sprang sofort darauf an! Er war ein schrecklicher Snob, weißt du, zusätzlich zu allem anderen. Er hat sich wirklich darauf gefreut, Alex zu spielen, den großen, erfolgreichen Geschäftsmann!« Rachel beugte sich vor.

»Raoul war ein Versager, Alan! Alle Versager sehnen sich danach, im Licht anderer zu glänzen!« Sie zögerte, dann lächelte sie unvermittelt charmant.

»Außerdem hatte er schon von der Chelsea Flower Show gehört. Er war begierig darauf, sie zu besuchen. Er war der Meinung, es sei eine sehr englische Veranstaltung.«

»Und er war wohl auch überzeugt, dass er in Begleitung einer englischen Frau von Ehre dorthin gehen würde, der er absolut vertrauen könne.« Markby stieß die Worte wütend hervor.

»Das ist richtig. Ich musste ihn nicht überreden, mit mir hinzugehen, ich hätte ihn überhaupt nicht daran hindern können!« Ihr Tonfall wurde vertraulich.

»Wir hatten nicht beabsichtigt, dass er schon in London stirbt. Wir wussten, dass das eine Obduktion bedeutet, und das wollten wir vermeiden, wenn irgend möglich. Wir dachten, wenn Raoul auf der Ausstellung krank würde, könnte ich ihn in den Wagen verfrachten und nach Malefis Abbey zurückbringen. Ich hätte Dr. Staunton angerufen, sobald Raoul tot war, und ihm erklärt, dass ich nicht früher bei ihm sein könne, weil wir auf dem Rückweg von London seien. Mit ein wenig Glück hätte Staunton einen Totenschein ausgestellt. Schließlich sah Raoul tatsächlich genau wie Alex aus, und wir hatten keinen gesellschaftlichen Kontakt mit den Stauntons. Du hast Penny kennen gelernt. Eine schrecklich langweilige kleine Frau! Staunton ist ein normaler Hausarzt, der in Arbeit ertrinkt und kein Privatleben zu haben scheint. Er besucht Dutzende verschiedener Leute in jeder Woche. Wenn er einen Toten in Alex’ Bett vorgefunden hätte, der genau wie Alex aussieht, warum sollte er in Frage stellen, dass es Alex ist? Martin sollte unterdessen nach London fahren, Raouls Hotelrechnung bar bezahlen und sein Zimmer ausräumen. Niemand würde ihn vermisst haben. Aber eine Sache war notwendig. Staunton musste Alex noch einmal behandeln, und zwar kurz vor der Ausstellung. Sonst hätte er keinen Totenschein ausstellen dürfen. Aber weil es Alex sowieso nicht besonders gut ging wegen dem Wetter und all dem Stress mit seinem Cousin, war er recht froh, dass er noch einmal Medikamente bekam. Er war an einem betriebsamen Morgen in Stauntons Sprechstunde; es ist eine Landarztpraxis, die von Menschen aus sämtlichen umliegenden Dörfern besucht wird. Dementsprechend war das Wartezimmer voll, und das Telefon klingelte ununterbrochen. Also hat Staunton hastig ein Rezept für neue Herztabletten gekritzelt und Alex gebeten wiederzukommen, falls die Medikamente ihm nicht helfen würden, damit er ihn dann noch einmal zum Spezialisten überweisen könne.«

»Und ihr habt tatsächlich geglaubt, dass euer Plan funktionieren würde, Rachel? Nie im Leben! Ihr müsst vollkommen verrückt gewesen sein! Hätte Staunton auch nur den leisesten Zweifel an der Geschichte gehabt, hätte er den Totenschein nicht unterzeichnet. Bei Gift kann man nicht vorhersagen, wann genau das Opfer sterben wird. Und ihr konntet nicht wissen, ob jemand nicht doch die Polizei rufen würde. Es war reiner Irrsinn!«

»Wir waren nicht irrsinnig, wir waren verzweifelt!« Sie ballte die Fäuste.

»Warum hätte es nicht funktionieren sollen? Nur kleine Lügen kommen ans Licht. Wollte Staunton mir etwa erzählen, dass ich meinen eigenen Ehemann nicht kenne?« Sie zog die Schultern hoch.

»Aber wie sich dann herausstellte, kam es überhaupt nicht so weit, weil Raoul schon in Chelsea auf der Straße umgekippt ist. Offensichtlich wirkt das Aconitin manchmal so stark. Wir hatten Pech.« Markby stand auf und ging zum Draht der leeren Voliere. Vor seinem geistigen Auge tauchte die zusammengesunkene Gestalt Gillian Hardys auf, die schlaff in der Ecke lag.

»Los, erzähl den Rest«, befahl er.

»Verurteile mich nicht, Alan!«, rief sie vehement.

»Wir hatten Angst, kannst du das denn nicht verstehen? Alex hätte nicht mit Erpressung leben können! Die Angst und die Anspannung hätten ihn umgebracht!« Sie zögerte und fügte dann wehmütig hinzu:

»Du hast mich einmal geliebt.«

»Ich habe gesagt, du sollst den Rest erzählen!« Der Schmerz und die Wut in seiner Stimme hallten spröde durch den riesigen Raum. Rachel sprang auf und ging zu dem italienischen Marmorbassin. Sie spielte mit dem Wasserhahn.

»Am Tag der Ausstellung ließen Alex und ich uns von Martin nach London fahren. Eine Freundin hat uns ihre Wohnung geliehen. Ich habe dir erzählt, wir hätten ihren Parkplatz, aber in Wirklichkeit hatten wir auch die Wohnungsschlüssel. Dort haben wir uns mit Raoul getroffen. Wir haben ihn als Alex verkleidet und ihm sogar den Schnurrbart abrasiert. Es … es war unglaublich, diese Ähnlichkeit! Dann fuhr Martin Raoul und mich zur Ausstellung, und Alex verließ die Wohnung in anderer Kleidung. Er fuhr hierher zurück und tauchte unter. Nachdem Martin Raoul und mich vor der Ausstellung abgesetzt hatte, ging er in die Wohnung und schlüpfte in die Frauenkleider. Er ist wirklich sehr überzeugend als Frau!« Rachel schnitt eine ironische Grimasse.

»Raoul und ich wanderten also über das Ausstellungsgelände. Ich hatte Raoul angeboten, sich ganz an mir zu orientieren, doch er war Schauspieler genug und schlüpfte wirklich voll in seine Rolle! Dann sind wir in Meredith gerannt! Ich wusste nicht, dass sie mit dir zusammen war! Hätte ich das gewusst, wäre ich auf der Stelle mit Raoul verschwunden, glaub mir! Aber ich hatte Meredith seit Jahren nicht mehr gesehen, und mir kam der Gedanke, dass sie die ideale Person wäre, um ihr Raoul als Alex vorzustellen. Sie würde hinterher schwören, dass sie Alex Constantine gesehen hätte, verstehst du, weil sie den echten nie kennen gelernt hat. Aber dann … aber dann bist du aufgetaucht, und Raoul fing an, große Sprüche zu schwingen, und schlug vor, dass wir alle zusammen in die Champagner-Bar gehen sollten. Ich musste mitspielen, Alan. Ich wusste, dass Martin irgendwo in der Nähe war, aber ich konnte ihn nicht mehr aufhalten. Ich musste das Spiel irgendwie zu Ende spielen!« Sie stockte und schien darauf zu warten, dass er in irgendeiner Form Mitgefühl oder Verständnis ausdrückte. Als nichts dergleichen geschah, fuhr sie verärgert fort:

»Martin hatte das Gift vorbereitet und eine geeignete Spritze. Er wollte etwas, das man leicht verschwinden lassen konnte und das nicht offensichtlich war. Er hielt es für möglich, dass die Nadel beim Injizieren abbrach. Also hat er sich vorher mit einem Freund in Nordafrika in Verbindung gesetzt und sich diesen Dorn schicken lassen. Er stammt von irgendeiner Wüstenpflanze. Martin glaubte, wenn jemand ihn auf dem Boden im Zelt fand, würde er ihn für ein abgebrochenes Stück von einer der zahlreichen Ausstellungspflanzen halten, und niemand würde Verdacht schöpfen. Der Dorn brach tatsächlich ab, aber er blieb in Raouls Mantel stecken, und er zog ihn heraus! Ich war völlig schockiert! Und er stand im Begriff, dir den Dorn zu geben! Es gelang mir, ihn anzustoßen, und er ließ ihn fallen. Ich habe nicht bemerkt, dass du ihn aufgehoben hast.« Rachel verengte die Augen zu Schlitzen und musterte ihn.

»Du bist wirklich clever, Alan. Ich hatte ganz vergessen, was für ein guter Polizist du bist!«

»Aber in anderer Hinsicht ein Einfaltspinsel«, brummte Markby. Sie hatte seine Bemerkung nicht gehört und fuhr, gefangen in ihrer Geschichte, fort:

»Das Gift wirkte viel zu schnell! Martin hat hinterher gesagt, dass Raoul viel empfänglicher dafür gewesen sei als vorausberechnet. Wir hatten eigentlich geplant, ihn nach Malefis Abbey zurückzubringen, wie schon gesagt. Wir wollten nicht, dass er in London stirbt und eine Autopsie stattfindet. Doch als es Raoul immer schlechter ging, haben du und Meredith darauf bestanden, mit zum Wagen zu kommen! Martin hatte es gerade so geschafft, vor uns zur Wohnung zurückzukehren und wieder in seine normale Kleidung zu schlüpfen. Er hat vom Fenster aus gesehen, wie wir ankamen. Er behielt einen kühlen Kopf, und als wir uns alle um Raoul und den Wagen gedrängt haben, schlüpfte er aus der Wohnung und versteckte sich hinter der nächsten Ecke.« Rachel warf die Hände hoch.

»Meredith bestand darauf, dass ich gehen und den Chauffeur suchen sollte! Ich wusste natürlich, dass Martin nicht mehr auf der Ausstellung war! Ich wusste nicht, wo er steckte. Aber ich musste so tun, als wäre ich einverstanden. Also ging ich los. Hinter der Ecke kam Martin aus einem Eingang und packte mich am Arm. Ich hatte schreckliche Angst, dass Raoul dir seine wahre Identität offenbaren könnte. Martin meinte, das Risiko müssten wir eben eingehen. Er war ziemlich sicher, dass Raoul nur zusammenhangloses Zeug würde reden können, weil das Gift so stark bei ihm wirkte. Wir warteten eine Weile und kehrten dann gemeinsam zu euch zurück. Der Krankenwagen war schon da, und sie luden Raoul gerade ein. Er war tot.« Mit neuer Verwunderung in der Stimme fügte sie hinzu:

»Wir hatten es getan!«

»Ja, das habt ihr«, sagte Markby dumpf.

»Und Meredith und ich haben dabeigestanden wie preisverdächtige Komiker und zugesehen. Ich nehme an, sobald dieses Haus hier zum Verkauf gestanden hätte, wolltest du deinen Gärtner ›entlassen‹, und er wäre dorthin zurückgekehrt, wo er hergekommen ist?«

»Ja, das ist richtig. Selbstverständlich machten wir uns Sorgen wegen der Autopsie. Doch Martin meinte, die Polizei würde in London nach dem Mörder suchen. Wenn wir solange stillsitzen, uns ruhig verhalten würden, gäbe es keinen Grund, warum die Polizei ihn oder mich oder irgendjemanden in Lynstone verdächtigen sollte. Natürlich hat Martin nicht gewagt, gleich zu verschwinden, weil das Verdacht erweckt hätte. Ich dachte, wenn ich verkünde, dass ich das Haus zu verkaufen beabsichtige, schöpft niemand Verdacht, wenn sich Martin nach einer neuen Stelle umsieht. Wir hätten nicht gedacht, dass die Polizei nach Lynstone kommen würde, doch als sie da war, mussten wir so tun, als sei alles ganz normal.«

»Und der Mordversuch an Meredith mit der steinernen Ananas?«

»Damit habe ich nichts zu tun!«, brauste Rachel auf.

»Ich hätte Meredith niemals etwas angetan! Martin war ein wenig nervös, das ist alles, und er fing an, eigenmächtig zu agieren!«

»Genau wie bei den Morden an Gillian Hardy und Nevil James? Ihr wart nicht clever, du und Alex. Ihr wart im Gegenteil ausgesprochen dumm! Jemanden für einen Mord anzuheuern, der von einer Person wie dieser Miriam Troughton empfohlen wurde! Einen jungen Mann in eure Angelegenheiten zu ziehen, der unbequeme Leute so einfach und gedankenlos aus dem Weg räumt, wie er zu hoch gewachsene Triebe von euren Büschen schneidet! Und ihr habt wirklich geglaubt, er wäre vertrauenswürdig und zuverlässig? Ihr habt geglaubt, ihr könntet einen Killer kontrollieren? Jemanden, der absolut skrupellos ist, kein Rechtsempfinden kennt und auf einer ganz anderen Wellenlänge funktioniert als ihr?«

»Miriam versprach, dass er …«

»Miriam! Schon wieder Miriam! Habt ihr denn nicht gesehen, dass ihr für den Rest eures Lebens in Miriams Hand gewesen wärt, selbst wenn euer Coup gelungen wäre, und dass sie euch dann hinterher erpresst hätte?« Bevor Rachel antworten konnte, hörte man, wie draußen eine Wagentür zugeschlagen wurde, Stimmen wurden laut. Rachel lächelte resigniert.

»Da kommt dieser grässliche Mann, dieser Hawkins, um mich zu verhaften! Denk nicht zu schlecht von mir, Alan. Ich liebe Alex, und er liebt mich. Wir wollten nur zusammen sein und in Sicherheit. Ist das denn so falsch?« Ein hingebungsvolles Paar, dachte Markby. Jeder hatte das gesagt, und wie es schien, hatten die Leute tatsächlich Recht gehabt damit. Als Hawkins in der Tür erschien, fügte Rachel mit einer Stimme, in der zum ersten Mal ehrliches Bedauern lag, hinzu:

»Bitte sag Meredith, wie Leid es mir tut, dass ich ihr all diesen Kummer gemacht habe! Es war schön, sie wiederzusehen, nach all diesen Jahren.«

KAPITEL 24

»Was soll das heißen, sie ist weg?«, brauste Hawkins auf.

»Wohin ist sie gegangen?«

»Weg von Lynstone«, antwortete Mr. Troughton.

»Meine Frau ist wieder weg. Ich weiß nicht, wohin sie gefahren ist. Ich weiß nie, wo sie ist oder wie lange sie bleibt. Sie erzählt mir nichts, verstehen Sie?« Er sah von einem zum anderen, und auf seinem runden Gesicht lag ein Ausdruck glückseliger Erleichterung. Sie standen zusammen in der Empfangshalle des Lynstone House Hotels: Hawkins, Selway, Markby und der Hotelier. Markby einerseits, weil er noch immer sein Zimmer im Hotel hatte, und zum anderen, weil selbst Hawkins nun stillschweigend zu akzeptieren schien, dass er nicht länger ein Paria war, ein Bulle, der sich möglicherweise

»in etwas hatte hineinziehen lassen«. Markby war wieder einer von ihnen, ein Beamter von entsprechendem Rang, der sich für den Fall interessierte. Er blickte sich in der deprimierenden Eingangshalle mit den ausgestopften Vögeln und den Jagdszenen um. Jedes einzelne Stück, das hier zur Schau gestellt war, repräsentierte in der einen oder anderen Form den Tod, nicht nur die ausgestopften Tiere selbst, sondern auch die Bilder von Männern, die aus dem Schilf auf Enten schossen oder Vögel vom Himmel holten und Hirsche auf einer Lichtung erlegten oder Füchse mit lärmender Entschlossenheit vor sich hertrieben. Selbst eine unangenehm realistische Szene von einem Faustkampf mit bloßen Händen zeigte jede Menge Blut und zahlreiche Wunden. Doch in all dem Blutvergießen lag auch eine dunkle Wahrheit. Leben und Tod gehörten zusammen und waren miteinander verflochten. Man konnte sie nicht trennen, das eine haben ohne das andere. In unserer Zeit ist es Mode geworden, dachte Markby, so zu tun, als lauere der Tod nicht hinter der nächsten Ecke. Wir überspielen die unangenehme Tatsache auf vielfältigste Weise. Es sei denn natürlich, man ist Polizeibeamter und begegnet – ganz wie die Jagdgesellschaft auf den alten Bildern – tagtäglich Gewalt und Tod. Selway fixierte den kleinen Hotelbesitzer mit wütenden Blicken.

»Also wirklich, Sir! Sie müssen doch wissen, wo Ihre Frau hingefahren ist! Was ist mit ihren Freunden oder Verwandten?«

»Ich kenne die Freunde meiner Frau nicht«, antwortete Troughton mit der gleichen Ernsthaftigkeit.

»Sie hat mir nie einen von ihnen vorgestellt. Und sie besitzt keine Verwandtschaft.« Er breitete entschuldigend die Hände aus.

»Es tut mir wirklich sehr Leid, Sir. Kann ich vielleicht sonst noch etwas für Sie tun, Gentlemen?«

»Sonst noch etwas!«, explodierte Hawkins.

»Um Himmels willen, Mann, wir fragen nicht nach einer Mahlzeit, die nicht auf Ihrer Speisekarte steht! Wir suchen nach Ihrer Frau, weil wir sie im Zusammenhang mit einem schweren Verbrechen vernehmen müssen!«

»Ich weiß, Sir. Aber ich kann Ihnen leider nicht weiterhelfen«, erwiderte Troughton vernünftig.

»Ich würde es ja wirklich gerne, aber wie gesagt …« Die drei Beamten zogen sich in den hinteren Teil der Empfangshalle zurück, um sich zu beraten.

»Es lässt ihn ziemlich kalt, wie?«, murmelte Hawkins.

»Ich hätte gedacht, dass er ein wenig aufgebrachter reagiert, wenn sie ihn wirklich verlassen hat. Er erweckt den Eindruck, dass er entweder übergeschnappt ist oder irgendwelche Mittel eingenommen hat. Er scheint im siebten Himmel zu schweben. Überhaupt nicht bei der Sache, wenn Sie mich fragen.«

»Ich schätze, sie ist nicht das erste Mal verschwunden«, erwiderte Markby leise.

»Sie ist eine seltsame Frau, die kommt und geht, wie sie gerade Lust hat. Wenn sie hier ist, wird das Leben für alle anstrengend, und deswegen sind alle erleichtert, wenn sie wieder geht. Fragen Sie Mrs. Tyrrell. Ich nehme an, Mr. Troughton geht davon aus, dass sie sich wieder einmal französisch verabschiedet hat und irgendwann zurückkommen wird.«

»O nein!«, rief Troughton, dessen Gehör offensichtlich ausgezeichnet war. Alle drei wandten sich zu ihm um und starrten ihn an, bis er errötete und nervös die kleinen, dicken Hände hin und her bewegte.

»Sie ist diesmal wirklich für immer gegangen. Sie können sich selbst überzeugen. Kommen Sie mit nach oben, und ich zeige es Ihnen.« Ergeben trotteten sie hinter Troughton die breite viktorianische Treppe mit der feinen schmiedeeisernen Balustrade hinauf. Troughton führte sie durch einen Gang und eine Feuertür mit einem Schild

»Privat«. Dahinter befand sich eine weitere Tür, eine alte diesmal, doch mit einem nachträglich angebrachten Sicherheitsschloss. An dieser Tür prangte die Aufschrift

»Privatwohnung«. Troughton kramte in seinen Taschen nach den Schlüsseln und sperrte auf. Eifrig bat er sie in seine Wohnung.

»Ich fürchte, es ist alles ein wenig staubig. Normalerweise kommt Mavis einmal die Woche nach oben und macht sauber, aber jetzt … Miriam macht keine Hausarbeiten. Sie hat auch nie gekocht.« Er zögerte nachdenklich.

»Wenn ich’s mir genau überlege, hat sie überhaupt nichts gemacht«, führte er seinen Satz zu Ende. Sie sahen sich um, und auf ihren Gesichtern zeigten sich gemischte Gefühle. Selway schien verwirrt, Hawkins wütend und Markby zweifelnd. Die Wohnung war sehr komfortabel möbliert, ein wenig überladen vielleicht, mit schweren cremefarbenen Samtvorhängen an den Fenstern, die von goldenen Seidenschnüren gehalten wurden, und einer dreiteiligen Sitzgarnitur aus purpurrotem Damast mit goldenen Quasten. Über den ganzen Raum verteilt standen sehr schöne Antiquitäten. Direkt Markby gegenüber hing eines jener typischen Gemälde des achtzehnten Jahrhunderts, die eine Szene aus dem Leben jener Zeit zeigten und in Markbys Augen den Gipfel der Scheinheiligkeit darstellten: nach außen hin eine dringliche Warnung vor dem Bösen in der Welt, doch in Wirklichkeit eine Darstellung von lüsterner Verderbtheit. Das Bild an der Wand trug den Titel

»L’Entremetteuse«. Es zeigte eine dralle Frau mit rotem Gesicht in kunstvoll zurechtgemachter Schlafhaube und Reifrock, die ein zerbrechlich aussehendes junges Mädchen einem Lebemann zur Begutachtung hinschob, der sich gerade eine Prise Schnupftabak einverleibte, während er die angebotene Ware betrachtete. Markby runzelte die Stirn. Troughton hatte ihn beobachtet und sagte nun:

»Das Bild hat Miriam aufgehängt. Ich fand es immer recht geschmacklos, und es hat nicht zu den schönen alten Möbeln gepasst. Die sind richtige Handwerkskunst, sehen Sie doch! Als wir das Hotel übernommen haben, befand sich noch ein großer Teil der alten Einrichtung im Haus. Wir haben die besten Stücke nach oben gebracht und einige restaurieren lassen. Miriam hatte ein gutes Auge für Antiquitäten.«

»Sie sagten«, erinnerte ihn Selway,

»Sie hätten Grund zu der Annahme, dass Ihre Frau Sie endgültig verlassen habe. Jedenfalls habe ich es so verstanden. Sie brachten uns hierher, um uns etwas zu zeigen.« Und nicht nur diese Sammlung kostspieligen schlechten Geschmacks, schien seine ganze Haltung ausdrücken zu wollen. Selway war offensichtlich ein Mann, der einem alten Lehnsessel, einer Pfeife und Pantoffeln den Vorzug gab.

»O ja, bitte kommen Sie!«, rief Troughton eifrig und führte sie in ein weiteres Zimmer. Es war ein Schlafzimmer, ein Schlafzimmer für ein Ehepaar überdies. Markby war überrascht, dass die Troughtons sich noch immer ein gemeinsames Schlafzimmer geteilt hatten, auch wenn sie getrennte Betten dem ehelichen Doppelbett vorgezogen hatten, doch in der Luft hing eindeutig der Duft schweren Parfüms. Sandelholz, dachte Markby und bemerkte in einer Ecke eine mit Schnitzereien verzierte Truhe aus eben diesem Material. Daneben stand ein großer Kleiderschrank. Die Türen waren weit geöffnet, und die Kleiderstange war bis auf einen Damenbademantel und ein Sommerkleid leer.

»Sehen Sie?« Troughton blickte die drei Beamten von der Seite her an und gestikulierte mit beiden Händen wie ein Zauberer, der seinem Publikum beweisen will, dass das magische Kabinett tatsächlich leer ist.

»Sie hat ihre Kleider mitgenommen, und zwar alle. Das hat sie noch nie gemacht. Und sehen Sie nur, hier …« Er eilte rasch durchs Zimmer und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf einen kleinen Wandtresor. Erneut stellte er überraschende Geschicklichkeit und Talent zur Schau, als er am Kombinationsschloss spielte und sich die Tür sogleich öffnete. Der Wandsafe war bis auf eine kleine Schachtel, die mit offenem Deckel auf der Seite lag, sowie einen dicken Umschlag aus Manilapapier ebenso leer wie der Kleiderschrank.

»Leer geräumt!«, trällerte er.

»Sie hat das ganze Geld und ihren Schmuck mitgenommen. Und zwei Worcestervasen, die mehr als tausend Pfund wert sind – dort drüben vom Kaminsims. Sie hat nur ein paar Geschäftspapiere zurückgelassen, weiter nichts.«

»Wie viel Geld?«, erkundigte sich Hawkins scharf.

»Ungefähr zweitausend Pfund.«

»Was?«, riefen alle drei Männer gleichzeitig.

»Ist das nicht ziemlich viel Geld, um es zu Hause aufzubewahren, Sir?«, fragte Selway.

»O ja. Normalerweise wäre ich morgen in die Stadt gefahren und hätte es auf der Bank eingezahlt. Ich bewahre die Hoteleinnahmen in diesem Tresor auf, verstehen Sie, alles Bargeld jedenfalls. Ich denke, es ist sicherer hier als unten im Büro.« Er sah zum Fenster.

»Ihr Wagen ist ebenfalls weg. Ich glaube nicht, dass sie wiederkommt. Diesmal nicht.« Gemeinsam kehrten sie in das Wohnzimmer zurück und nahmen an einem auf Hochglanz polierten Esstisch aus Rosenholz Platz. Frühe viktorianische Epoche, dachte Markby und fragte sich, ob Mrs. Troughton so etwas wie Bedauern verspürt hatte, dass sie das Mobiliar, das sie offensichtlich nicht hatte transportieren können, hatte zurücklassen müssen. Alles andere schien sie mitgenommen zu haben. Troughton wartete darauf, dass einer von ihnen etwas sagte. Er hatte die Hände vor sich auf dem Tisch verschränkt, und er wirkte weder aufgebracht noch nervös. Tatsächlich, dachte Markby, sieht er fast so aus, als wäre er glücklich!

»Mr. Troughton«, sagte Selway,

»ich hoffe, ich trete Ihnen nicht zu nahe, aber Sie scheinen nicht im Mindesten aus der Fassung zu sein. Ich meine, wenn Ihre Frau Sie tatsächlich verlassen hat? Insbesondere, wo sie sämtliches Bargeld mitgenommen zu haben scheint?« Troughton schüttelte den Kopf.

»Was nützt es, wenn ich Ihnen etwas vorspiele, Chief Inspector? Meine Frau und ich haben einfach nicht zusammengepasst, fragen Sie, wen Sie wollen. Sie hat Lynstone nie gemocht, und sie hat das Hotel gehasst wie die Pest! Ich …« Plötzlich wirkte er schüchtern.

»Darf ich im Vertrauen zu Ihnen sprechen, Gentlemen?«

»Ja«, sagte alle drei im Chor.

»Nun ja, ich gestehe, dass ich sehr erleichtert über ihr Fortgehen bin! Das Geld ist mir egal. Ich weiß nicht, wo sie ist, und ich will es auch gar nicht wissen! Selbstverständlich würde ich nicht versuchen, Ihre Ermittlungen zu behindern. Wenn ich etwas wüsste, würde ich es Ihnen sagen, glauben Sie mir. Aber ich weiß nichts, wirklich nicht! Tatsächlich …« Sein Ton wurde noch vertraulicher, und er beugte sich angespannt vor. Automatisch rückten alle Köpfe näher zusammen, und Troughton flüsterte:

»Ich habe oft gedacht, dass ich sehr gut verstehen kann, wenn ein Mann seine Frau umbringt! Obwohl ich nicht verstehen konnte, woher man den Mut dazu nehmen soll. Ich hätte nie gewagt, Miriam umzubringen, genauso wenig wie jemand anderen, aber ich wage zu sagen, dass ein anderer Mann an meiner Stelle dies bestimmt längst getan hätte! Sie war eine sehr schwierige Frau!«

»Himmel!«, sagte Hawkins schwach. Draußen vor dem Eingang zum Hotel blieben sie eine Weile schweigend stehen und atmeten dankbar die frische Luft ein. Trotzdem, so schien es Markby, haftete noch immer der Geruch von Sandelholz an ihnen. Er erinnerte sich an Miriam auf dem Barhocker und an das Bild an der Wand. Mit welcher der beiden Frauen darauf hatte sich Miriam identifiziert? Mit der verderbten Kupplerin oder mit dem jungen Mädchen, das im Begriff stand, in ein lasterhaftes Leben eingeführt zu werden?

»Ist es zu glauben!«, platzte Hawkins heraus.

»Ich hab schon einige komische Vögel in meinem Leben getroffen, aber dieser Kerl schlägt alle um Längen! Nun, wir werden die Flughäfen und die Seehäfen überprüfen – falls sie mit dem Wagen verschwinden will. Vielleicht fährt sie zur Küste, nimmt eine der Kanalfähren, fährt irgendwohin auf dem Kontinent und fliegt dann von dort aus weiter. Wahrscheinlich ist sie in spätestens vierundzwanzig Stunden im Nahen Osten und außerhalb unserer Reichweite.«

»Falls sie nicht irgendwo im Garten vergraben liegt«, meinte Selway unbeirrbar. Ihre Blicke glitten über das halb verwilderte, ungepflegte Gelände des Hotels. Selway fischte in seinen Taschen nach der Pfeife und begann sie zu stopfen. Hawkins stöhnte auf.

»Er hätte nicht viel Zeit gehabt …«, murmelte Markby.

»Falls er sie umgebracht hat, was mit Sicherheit nicht ganz einfach gewesen wäre. Er hätte alle Mühe gehabt, sie in einem Handgemenge zu überwältigen. Sie war eine ziemlich starke Frau und sportlich, könnte ich mir denken. Entschlossen und durchaus in der Lage, sich selbst zu verteidigen. Und er ist nicht sehr kräftig. Wenn Sie vorgeschlagen hätten, dass sie ihn umgebracht habe …«

»Ich sage nicht, dass er sie umgebracht hat«, murmelte Selway, während er ein Streichholz an den Pfeifenkopf hielt und am Mundstück sog, bis der Tabak brannte.

»Aber wir alle wissen, dass ein Amateur, wenn er jemanden umgebracht hat, von dem perversen Wunsch erfüllt ist, davon zu reden. Aufregung, Schuldgefühle, Prahlerei – er wirkte auf jeden Fall alles andere als nervös, wie ich das sehe. Auf der anderen Seite schien er auch nicht ruhig zu sein. Der Superintendent hat ganz richtig bemerkt, dass er irgendwie in Hochstimmung scheint. Vielleicht hat er sich der Kleider, des Wagens, sogar des Geldes entledigt und die Vasen auch noch mit verschwinden lassen. Sie könnte irgendwo in seinem Garten liegen … oder dort oben, auf dem Windmill Hill.« Er deutete auf den Hügel hinter sich.

»Irgendwo dort zwischen all den Bäumen.«

»Wenn Sie nach frisch ausgehobener Erde suchen wollen, meinetwegen«, sagte Hawkins schroff.

»Ich konzentriere mich auf Flughäfen und Fähren, denn ich denke, dass sie versuchen wird, das Land zu verlassen. Falls der Wagen irgendwo auf einem Parkplatz am Flughafen steht, werden wir ihn finden! Es war ein auffälliges kleines Ding.«

»Ein Wagen wie der von Miriam Troughton würde nicht lange irgendwo herumstehen«, gab Markby zu bedenken.

»Kein Autoknacker hätte ihn lange stehen lassen. Auf der anderen Seite, falls er nur versteckt worden ist, dann gibt es in der Gegend zahlreiche aufgelassene Steinbrüche und massenweise Unterholz und Wälder.«

»Wir könnten die Spurensicherung in Troughtons Wohnung schicken«, sinnierte Selway.

»Aber wir haben nur einen sehr vagen Verdacht, und falls unsere Leute nichts finden, sehen wir ganz schön dumm aus. Ich habe keinerlei Hinweise auf einen Kampf entdeckt, und alles war staubig – darauf hat er uns selbst aufmerksam gemacht. Staub so gleichmäßig zu verteilten, ist kaum möglich.«

»Ja, er wollte uns unbedingt seine staubige Wohnung zeigen, nicht wahr?«, sagte Hawkins grimmig.

»Und den leeren Kleiderschrank und den Safe und alles. Und falls er staubige Möbel braucht, kann er jederzeit genügend Stücke aus seinen Zimmern nach oben schaffen! Es muss genügend Kommoden und staubige Schränke in unbenutzten Ecken geben.«

»Das«, sagte Markby unvermittelt,

»hat alles absolut nichts mehr mit mir zu tun. Das ist allein Ihr Fall, meine Herren. Meredith und ich fahren nach Bamford zurück.«

KAPITEL 25

Und genau dort waren sie auch, vierundzwanzig Stunden später, im Büro von Markbys Schwester in der Bamforder Anwaltskanzlei. Laura nahm eine Sherrykaraffe aus dem Eckregal.

»Das hier ist ein Geschenk von meinem besten Klienten«, verriet sie den beiden. Sie trug die Karaffe zum Tisch und füllte die drei dort schon wartenden Gläser.

»Ich wüsste nicht«, sagte Markby, als er ein Glas zu Meredith weiterschob,

»dass es etwas gäbe, worauf wir anstoßen sollten.«

»Beispielsweise auf eure wohlbehaltene Rückkehr!«, informierte seine Schwester ihn spitz.

»Meredith wäre beinahe von einem Stein erschlagen und ihr beide wärt um ein Haar in Rachels Ränkespiel hineingezogen worden. So Leid es mir tut, das sagen zu müssen, Alan, aber ich hatte dich gewarnt!«

»Du hattest mich gewarnt, Laura, und du hattest Recht«, gestand ihr Bruder. Sie strahlte ihn an, und alle drei hoben ihre Gläser, um sich zuzuprosten.

»Cheers. Noch immer keine Spur von dieser Miriam Troughton, nehme ich an?«

»Keine, soweit ich weiß. Selbst wenn wir sie finden – es wird schwer werden, ihr etwas zu beweisen. Soweit ich informiert bin, schweigt Martin eisern.« Er nickte.

»Ich bin noch nicht vielen mordenden Gärtnern begegnet. Die meisten von uns vernichten höchstens Unkraut und Käfer.« Auch Meredith schien nachdenklich.

»Trotz allem mochte ich ihn irgendwie, weißt du, und ich finde ihn selbst jetzt noch sympathisch.«

»Du wirst doch wohl nicht zu einer dieser Frauen werden, die eine Brieffreundschaft mit einem verurteilten Mörder anfangen?«, fragte Markby steif.

»Selbstverständlich nicht! Aber ich würde zu gerne mehr über seine Vergangenheit erfahren!«

»Du könntest mehr erfahren, als dir lieb ist! Vergiss nicht, dass er es war, der dich mit dieser Ananas erledigen wollte!« Sie seufzte.

»Schon gut, Martin hat also versucht, mich mit diesem manipulierten Steinding zu ermorden! Aber vielleicht wollte er mir auch nur einen Schrecken einjagen, damit ich wieder nach Bamford zurückkehre. Außerdem sehe ich noch nicht, wie sie mit diesem Anklagepunkt durchkommen wollen. Genau wie bei Miriam, schätze ich. Selbst wenn sie Miriam vor Gericht bringen, können sie ihr nichts beweisen, stimmt’s?«

»In Abwesenheit eines unbeteiligten Zeugen oder irgendwelcher Aufzeichnungen, aus denen ihre ›geschäftlichen‹ Verwicklungen mit den Constantines hervorgehen? Schwerlich. Andererseits hat die Polizei genügend Zeit, sich etwas einfallen zu lassen, während die Fahndung nach ihr läuft.«

»Und du hältst es für ausgeschlossen«, sagte Meredith leise,

»dass der arme kleine Mr. Troughton sie …«

»Ich weiß es nicht!«, unterbrach er sie.

»Und es geht mich nichts an. Es ist nicht mein Fall. Diese Angelegenheit überlasse ich nur allzu gern Hawkins und Selway.«

»Wenn du doch nur die gleiche Haltung zu Alex Constantines Ermordung eingenommen hättest«, sagte Laura.

»Oder besser gesagt, der Ermordung des Mannes, den du für Constantine gehalten hast!«

»Ja.« Markby trank von seinem Sherry.

»Ich kann immer noch nicht glauben, dass Rachel das getan haben soll. Hätte ich es nicht aus ihrem eigenen Mund gehört …« Er verstummte und blickte geistesabwesend aus dem Fenster. Laura und Meredith wechselten Blicke.

»Also war es Alex«, sagte Meredith unvermittelt,

»der oben auf dem Windmill Hill in diesem Lager gesessen hat, das wir fanden? Er hat sein Haus beobachtet und gesehen, wer kam und ging. Vielleicht hat er sogar seine eigene Beerdigungsprozession verfolgt!« Markby riss sich zusammen und kehrte aus seiner Versunkenheit zurück.

»Er hat mehr getan als einfach nur beobachtet. Ich stelle mir vor, dass dieses Lager ein Treffpunkt für ihn und Miriam Troughton gewesen ist. Als du sie an jenem Morgen nach dem Frühstück getroffen hast, du erinnerst dich, unterhielt sie sich auf dem Weg mit Martin. Hinterher ging sie weiter in Richtung Windmill Hill, angeblich, um ihren Verdauungsspaziergang zu machen. Jede Wette, dass sie die letzten Neuigkeiten von Martin erfahren hat, bevor sie sich mit Alex traf, um ihm alles zu berichten. Es hat jedenfalls mehr dahinter gesteckt als das Vergnügen, die Trauergäste zu beobachten. Alex war ziemlich isoliert in diesem Cottage, und er wollte wissen, wie die Dinge liefen. Er durfte nicht riskieren, zu Hause anzurufen. Rachel durfte nicht riskieren, sich irgendwo mit ihm zu treffen. Und es war zu gefährlich, ihn von Malefis Abbey aus anzurufen; sie hätte jederzeit gestört werden können. Ich glaube, ich habe sie einmal fast dabei überrascht.« Markby runzelte die Stirn, als er sich erinnerte, wie Rachel am Tag nach seiner Ankunft in der Halle von Malefis Abbey gestanden hatte, nach Merediths Unfall. Sie hatte eine schlanke Hand nach dem Hörer ausgestreckt und sie hastig wieder zurückgezogen, als er aufgetaucht war. Hatte ihr Erschrecken, dass Martin über die ursprünglichen Instruktionen hinausgegangen war, sie dazu gebracht, alle Vorsicht zu vergessen und Alex in seinem Cottage anzurufen? Um ihm vielleicht zu raten, sich mit Miriam in Verbindung zu setzen, wo auch immer sie steckte, und ihr zu sagen, dass sie auf der Stelle zurückkehren und Martin den Kopf waschen müsse? Markby fragte sich, ob Rachel vielleicht später von einem anderen Ort aus mit Alex telefoniert hatte. Miriam war jedenfalls tatsächlich zurückgekehrt und hatte eingegriffen, wie es schien.

»Miriam war während der gesamten Sache ihr Mittelsmann«, sagte er grimmig.

»Sie ist eine höchst intelligente Frau, und vielleicht hat sie den Treffpunkt selbst vorgeschlagen. Sie hat sich jedenfalls unentbehrlich für die Constantines gemacht. Hätten sie Erfolg gehabt, stelle ich mir vor, dann hätten sie den Rest ihres Lebens an Miriam zahlen müssen. Als Miriam feststellte, dass das Spiel vorbei war, hat sie ohne einen Augenblick des Zögerns alles zusammengerafft und so viel Distanz zwischen sich und Lynstone gebracht wie nur irgend möglich. Sicher, es ist verlockend zu glauben, Troughton hätte sie umgebracht, doch wenn du mich fragst, ich halte es für ausgeschlossen. Jede Wette, dass sie eines Tages irgendwo wieder auftaucht.« Sie alle verfielen in Schweigen, tranken Sherry und hingen ihren Gedanken nach. Merediths Gedanken waren offensichtlich von vehementerer Art. Sie fuhr sich energisch durch das braune kurze Haar und verkündete mit glänzenden Augen:

»Was ich doch für eine einfältige Idiotin bin!«

»Das haben wir doch alles schon durch!«, sagte Markby zerstreut.

»Das ist mein Satz. Frag Hawkins.«

»Aber ich bin diejenige, die Rachel zuerst gesehen hat! Was war mein erster Eindruck? Wie theatralisch doch alles wirkte! Sie schien die Menschen förmlich einzuladen, sie und Alex anzustarren! Jede Bewegung wirkte einstudiert! Und was den falschen Constantine betrifft, er wirkte so glücklich, als würde er all das aus vollen Zügen genießen! Der echte Constantine hätte wahrscheinlich weniger beeindruckt ausgesehen, viel lässiger. Doch der Mann, den ich gesehen habe, Raoul, war glücklich und fidel, weil er einen wundervollen Tag am Arm einer wunderschönen Frau verbrachte und er für nichts selbst bezahlen musste! Nur, dass es sein letzter Tag war – auch wenn er es nicht gewusst hat.« Meredith stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Es war alles so offensichtlich geschauspielert, die ganze elende Szene, mit den Blumen als buntem Hintergrund. Was für ein unschuldiger Hintergrund – niemand erwartet auf so einer Ausstellung einen Mordanschlag!«

»Morde geschehen überall«, murmelte Alan Markby neben ihr.

»Und später, als Raoul zusammenbrach, konnte sie nicht verbergen, wie ärgerlich sie darüber war!«, fuhr Meredith fort.

»All das Händeringen! Nicht einmal sie war Schauspielerin genug, um es echt wirken zu lassen! Er war im falschen Augenblick zusammengebrochen, vor unseren Augen! Sie hatte uns eigentlich zuerst loswerden wollen, weil wir möglicherweise ärztliche Hilfe gerufen hätten! Sie muss schreckliche Angst gehabt haben, Raoul könnte uns die Wahrheit sagen, und fast wäre es dem armen Kerl gelungen! Ich wusste, irgendetwas stimmte nicht, aber ich verdrängte das Gefühl und ließ mich mitreißen. In Zukunft werde ich bestimmt nicht mehr vergessen, wie wichtig so ein erster Eindruck sein kann – und wie gefährlich es sein kann, ihn einfach zu ignorieren!«

»Das konntet ihr doch alles nicht wissen!«, sagte Laura beruhigend.

»Es ging alles viel zu schnell! Hinterher ist es immer leicht, über etwas zu reden und sich einzubilden, was man hätte sehen müssen! Das passiert mir andauernd! Die Menschen spazieren durch diese Tür und erzählen mir Geschichten. Später, wenn ich sie nachprüfe und herausfinde, dass alles nur Halbwahrheiten oder Entstellungen waren, sage ich mir immer, dass mir der Klient von Anfang an suspekt erschienen ist. Aber die Wahrheit ist, dass der Klient zu Beginn offen und ganz normal wirkte! Richtig beurteilen kann man jemanden immer erst später, wenn man genug herausgefunden hat und die Wahrheit kennt!«

»Vermutlich hast du Recht«, gestand Meredith. Sie verzog reumütig das Gesicht.

»Wisst ihr, was mich wirklich am meisten ärgert? Ich weiß, es ist eine triviale Sache, aber es ist der Wirbel, den Rachel wegen der Blumen für die Beerdigung veranstaltet hat! Sie wusste, dass Raoul in diesem Sarg lag und nicht Alex, aber sie hat keine Ruhe gegeben wegen der Blumen für sein Begräbnis!«

»Rachel wusste, dass Raoul im Sarg lag. Wir sollten glauben, dass es Alex ist, vergiss das nicht«, erinnerte sie Markby grimmig.

»Jedenfalls glaube ich, es ist an der Zeit, das Thema zu wechseln«, erklärte Laura energisch.

»All diese Selbstvorwürfe helfen niemandem, und der Tote wird davon ganz bestimmt nicht wieder lebendig.«

»Wie du willst«, stimmte Markby ihr unerwartet zu.

»Ich habe noch ein paar andere Neuigkeiten für euch. Ich weiß allerdings nicht, wie ihr sie aufnehmen werdet. Vermutlich habt ihr alle gehört, dass der Polizeidienst umstrukturiert werden soll, oder? Ich schätze, ich habe Glück, dass ich dabeibleiben kann. Es … es bedeutet allerdings, dass ich zum Superintendent befördert werde, sobald eine Stelle frei wird.«

»Alan?« Laura stellte ihr Glas als Ausdruck ihrer Überraschung heftig ab.

»Dann ist deine Beförderung also endlich durch? Du hast sie angenommen?«

»Ich hatte keine Wahl. Sie kam, während ich in Urlaub war.«

»Aber das ist doch wundervoll!«, rief seine Schwester.

»Du hättest schon vor Jahren Superintendent werden müssen, Alan, das weißt du selbst! Heute Abend gehen wir alle zusammen essen, zur Feier des Tages! Ich rufe gleich Paul zu Hause an!«

»Und du wirst Bamford verlassen?«, fragte Meredith leise. Er begegnete ihrem besorgten Blick.

»Ich weiß es nicht. Nicht sofort jedenfalls. Wir müssen abwarten und sehen.«

»Wir können trotzdem feiern!«, sagte Laura fest.

»Ich rufe Moira Macdonald an, sie soll babysitten.«

»Doch nicht etwa Miss Macdonald aus dem Drogeriemarkt auf dem Market Square?«, fragte Markby verblüfft.

»Sie scheint mir immer wie der perfekte Drache! Sie wird die Kinder mit Höllenfeuer und Schwefel verängstigen!«

»O nein, die Kinder sind ganz begeistert von ihr! Sie bringt Emma gerade bei, wie man Shetlandmuster strickt, und Emma ist hin und weg!« Schon wieder daneben, dachte Markby und fragte sich allmählich, ob er auch nur eine Spur von Menschenkenntnis besaß.

»Jedenfalls haben Sie Ihre Sache sehr gut gemacht«, sagte Mr. Foster in London.

»Ich war eine Weile in Sorge um Sie, besonders als Sie angerufen und von diesem Unfall mit dem, was war es noch gleich, mit diesem steinernen Ei erzählt haben.«

»Eine Steinananas. Und es war kein Unfall.«

Er lächelte unsicher. Der Kaffee war noch immer der Gleiche, doch diesmal hatte er einen Teller mit Gebäck dazugestellt. Das Büro war genauso unaufgeräumt wie eh und je, und er war genauso nachlässig gekleidet.

»Trotzdem, es ist ja nichts passiert, oder?« Als er den wütenden Blick von der anderen Seite des Schreibtisches bemerkte, fuhr er hastig fort:

»Noch einmal vielen herzlichen Dank für Ihre Hilfe. Es war nicht, was wir befürchtet haben. Keinerlei internationale Verwicklungen. Wir wissen wirklich zu schätzen, was Sie für uns getan haben, Meredith.«

»Reden Sie nicht mehr davon«, sagte sie.

»Das meine ich ernst – Wort für Wort! Und bitte, fragen Sie mich nie wieder!«

Mrs. Lang, die Besitzerin des Corgis, war gekommen, um ihr Haustier abzuholen. Sie wartete zusammen mit Molly James ungeduldig in der Küche, während das neue Mädchen den Hund aus dem Zwinger holen ging. Durch die offene Tür sah Molly, wie das Mädchen mit dem Hund an der Leine zurückkehrte. Er trabte munter hinter ihr her. In den letzten paar Tagen hatte der Corgi begriffen, dass Spazierengehen Freude bereiten konnte.

Während Molly die beiden beobachtete, überlegte sie, dass all die gute Arbeit binnen einer Woche zunichte gemacht werden würde. Was die neue Gehilfin anging, sie würde nicht lange durchhalten. Sie war keine Gillian Hardy, die bereit war, den Buckel krumm zu machen und jede Arbeit zu erledigen, ganz gleich, wie schmutzig oder körperlich anstrengend sie auch war. Sie war ein hübsches kleines Schulmädchen von siebzehn Jahren, die auf Mollys Anzeige geantwortet hatte, weil sie Tiere liebe und

»mit ihnen arbeiten« wolle. Tiere zu lieben war nicht genug, und Arbeit war etwas, wovon sie keinen Begriff hatte. Molly hatte sie genommen, weil sich sonst niemand beworben hatte. Nein, sie würde nicht durchhalten. Die ersten Anzeichen waren bereits zu erkennen. Sie war schon zweimal zu spät gekommen, und sie fing an zu murren, wenn sie etwas tun sollte, das ihr nicht passte.

»Er sieht schlanker aus!«, sagte Mrs. Lang mit einem kritischen Blick auf ihren Hund.

»Wir haben ihn ein wenig auf Vordermann gebracht«, antwortete Molly.

»Er hatte Übergewicht.« Genau wie Mrs. Lang; auch sie hatte jemanden nötig, der sie auf Vordermann brachte. Fast hätte Molly ihren Gedanken laut ausgesprochen. Ein Sprichwort besagte, dass Hund und Hundebesitzer sich einander immer mehr anglichen. Mrs. Lang hatte ein blasses Gesicht, rötlich gelbes Haar, eine spitze Nase und relativ kurze Beine, stellte Molly ohne besonderes Interesse und ohne Emotionen fest. Sie hatte nicht viel Energie dieser Tage, und nichts interessierte sie wirklich.

»Ja, er sieht tatsächlich fit aus«, gestand Mrs. Lang. Sie ging zur Tür, als das Mädchen mit dem Hund eintraf, und beugte sich über ihren Liebling.

»Hallo, Bobsie-Darling! Mami ist gekommen, um dich mit nach Hause zu nehmen!« Der Corgi schnüffelte an ihren schicken Schuhen und zeigte ansonsten keine besondere Freude über das Wiedersehen.

»Mami hat dir Hundekuchen mitgebracht«, gurrte Mrs. Lang. Das fand der Corgi schon interessanter. Brüsk sagte Molly:

»Ich habe Ihre Rechnung fertig gemacht.«

»Oh, selbstverständlich«, sagte Mrs. Lang und kramte in ihrer Handtasche. Sie nahm ihr Scheckbuch hervor und legte es aufgeschlagen vor sich auf den Tisch.

»Ach, übrigens, ich hatte vor einer Weile Besuch von einem Polizeibeamten. Er hat mich über den Tag befragt, an dem ich Bobsie zu Ihnen brachte. Er wollte wissen, wer den Hund angenommen hat und um welche Zeit ich gegangen bin und alle möglichen anderen Sachen. Ich hoffe, Sie hatten keine Probleme?«

»Es ist alles geregelt«, antwortete Molly mit tonloser Stimme.

»Oh, sehr gut! Da war ja so ein netter junger Mann hier, und das war so beruhigend für mich! Ich lasse Bobsie nämlich nicht gerne bei Fremden, wissen Sie. Aber der junge Mann hat versprochen, persönlich ein Auge auf Bobsie zu werfen. Ich kann ihn heute nirgendwo sehen – arbeitet er nicht mehr bei Ihnen?«

»Nein«, sagte Molly.

»Er ist nicht mehr bei mir.«

»Schade, wirklich sehr schade. Er wirkte so kompetent! Aber so ist das heute wohl; die jungen Leute bleiben nicht mehr lange auf einer Arbeitsstelle, nicht wahr?« Mrs. Lang unterschrieb schwungvoll den Scheck.

»Sie sind so rastlos und wollen immer weiter und weiter und etwas Neues kennen lernen. Aber das ist wohl nur zu natürlich. Ich schätze, Sie werden ihn vermissen?« Sie riss den Scheck heraus und reichte ihn Molly, scheinbar ohne zu bemerken, dass ihrer letzten Frage keine Antwort folgte.